Mittwoch, 30. Mai 2012

Denali National Park und Kenai Peninsula

An einem sonnigen Samstag Nachmittag stiegen wir in Anchorage in einen schicken Touri-Bus mit Destination Denali National Park. Das Wetter war nicht nur im Moment gut, auch die Vorhersage für die nächsten paar Tage klang vielversprechend. Wir erwarteten eine nicht übermässig spannende Fahrt, der Busfahrer redete aber konstant und erzählte interessante Sachen über Alaska, so dass das Buch, das mich über die 5-stündige Busfahrt hinwegretten sollte, es nie aus dem Rucksack heraus schaffte. Wir wurden selbstverständlich auch darauf aufmerksam gemacht, wenn der berühmte, aber äusserst scheue Mt. Denali in Sicht kam. Natürlich hob der sich nicht einfach und klar von einem blauen Himmel ab, sondern hatte immer einiges an Wolken um sich herumdrappiert, aber von der Terrasse eines der fetten Hotels, wo wir stoppten, war die Sicht gar nicht schlecht. 

Denali  oder Mt. McKinley, 6'194 MüM.

Witziger- oder eher unwitzigerweise hielt der Bus nicht beim Eingang zum Nationalpark, sondern fuhr nur die teuersten Hotels rundherum an, wer direkt in den Park wollte (zu einem Campingplatz), der durfte latschen. Mit schweren Rucksäcken, vollgeladen mit Campingausrüstung und Food für drei Tage, war das nicht so toll und die knappen zwei Kilometer zogen sich dahin. Beim Check-in des Rily Creek Campgrounds, wo wir tags zuvor per Telefon eine Reservation vorgenommen hatten, gab es im Computer aber angeblich keine Buchung. Was weiter nicht tragisch war, wir wollten nur nicht ein zweites Mal bezahlen müssen und anscheinend war Martinas Karte gleich nach dem Telefonat belastet worden. So buchte uns der nette Ranger kurzerhand ein zweites Mal ein, aber ohne einzukassieren. Wir gingen uns eine Site aussuchen und waren fasziniert davon, dass es um diese Zeit, so um die 22 Uhr, immer noch taghell war. Bis wir nach Zelt aufstellen, kochen und essen ins Bett gingen, war es 0.30 Uhr. In Anchorage wäre es um diese Zeit doch ziemlich dunkel gewesen, fünf Stunden nördlich blieb es hell. 

Am Morgen schliefen wir aus, es war zwar schwierig gewesen, einzuschlafen, bei Tageslicht ausschlafen war aber kein Problem. Später gingen wir das Learning Center auschecken und für den Nachmittag hatten wir eine Tundra Wilderness Tour gebucht. Das war eine 6-stündige Bustour in den Park hinein. Im Denali NP gibt es eine einzige Strasse, die ersten 15 km sind asphaltiert und für private Fahrzeuge offen, der Rest, nun Kiesstrasse, darf nur mit speziellen Bewilligungen befahren werden. Velos dürfen auch rein, wir waren aber bald froh, dass wir das nicht so geplant hatten. Die Strassenoberfläche war zwar nicht schlecht, es ging aber ganz schon auf und ab. Die endlosen Taiga- und Tundra-Landschaften gefielen uns aber sehr und es gab da auch allerlei Tiere zu bestaunen. Der erste Grizzly, den wir sahen, war recht nahe und wir waren beeindruckt von der Masse des Tieres, das vor höchstens einem Monat seine Winterruhe beendet hatte. Eigentlich hätten wir erwartet, dass ein Bär da eher mager wäre, dem war jedoch überhaupt nicht so. Der Bus auf der anderen Seite des Flusses störte den Bären keinen Deut. Er war damit beschäftigt, am Ufer Wurzeln auszugraben und war von dieser Tätigkeit völlig absorbiert. 

Grizzly Bär.

Die Tour funktionierten nach dem Prinzip, dass die Fahrgäste den Job hatten, Tieren zu entdecken, der Fahrer musste sich auf's Fahren konzentrieren. Wer etwas entdeckte, meldete das lautstark und der Bus wurde gestoppt. Der Fahrer hatte auch eine Kamera, mit der er die Tieren auf kleine Bildschirme im Bus zoomen konnte, damit man entweder sah, wo man in der Landschaft suchen musste, damit man erkannte, was die sich bewegenden Punkte in der Entfernung waren oder auch für jene, die schlicht auf den falschen Plätzen sassen und rein gar nichts sahen. Insgesamt sahen wir drei Bären, eine Menge Caribous (Rentiere), Dall Sheep und einige Willow Ptarmigans. Elche zeigten sich keine. 

Dall Sheep.
Willow Ptarmigan.

Ein paar Mal stoppten wir um frische Luft zu schnappen und die schlicht phänomenale Aussicht zu geniessen. Beim Toklat River Rest Stop gab es sogar einen kleinen Buchladen zu besuchen, dann drehten wir um. Später in der Saison gibt es 11-12-stündige Touren bis Kantisha, fast am Ende der Strasse. Da die Strasse aber nicht gepflügt wird, liegt da z.T. noch Schnee, also war für uns eine längere Tour nicht in Frage gekommen. Wir waren auch so kaputt genug, unlogischerweise ist Busfahren extrem anstrengend. Auf dem Rückweg sahen wir nochmals Schaffe, Schneehühner und Rentiere, von denen zwei unmittelbar vor unserem Bus über die Strasse spazierten. Die Tiere im Park scheinen zu wissen, dass ihnen von den Bussen keine Gefahr droht und sie lassen sich kaum aus der Ruhe bringen. Blöd für so ein Tier, wenn es aus dem Nationalpark hinauswandert, wo die Leute dann nicht zögern, ihnen eine Kugel ins Fell zu jagen, sie zu „harvesten“, wie hier so schön gesagt wird. Jedem das Seine, aber der Ausdruck „Ernte“ trifft für mich auf selber gesetzte oder gesähte Pflanzen zu und nicht auf gejagte Tiere. 

Caribou.
Denali Nationalpark.

Unseren zweiten Tag im Denali Nationalpark verbrachten wir mit einer Wanderung auf dem Triple Lake Trail. Auch wenn dieser Weg sich eher am Rand des Parkes befand, so mussten wir doch damit rechnen, grossen Tieren zu begegnen. Wir hatten zwar noch keinen Elch gesehen, auf den Wegen des Campingplatzes liegen jedoch genug Hinterlassenschaften herum, dass klar war, dass diese Tiere sich da durchaus aufhalten. Und dass auch riesige Bären im Park wohnten, war nach der Tour am Vortag klar und wir waren nicht scharf auf eine Begegnung aus nächster Nähe. So machten wir pflichtgemäss Lärm wann immer wir uns in unübersichtlichem Gelände befanden. Das wird einem so eingetrichtert, damit man keine potentiell gefährlichen Tiere überrascht. Wenn man seine Ankunft früh genug anmeldet, dann ziehen sich normalerweise sogar Grizzlies lieber zurück. Klar, damit sinken die Chancen, Tiere zu sehen, aber schliesslich ist die Wildniss kein Zoo und man will niemanden ärgern, der dieses Land sein Zuhause nennt. Wieder hatten wir äusserstes Glück mit dem Wetter und wenn es bergauf ging, kamen wir sogar ziemlich ins Schwitzen. Und das, obwohl in einem Tal am Rand eines Baches und auf Pfützen noch Eis lag. Dass die Nächte kalt waren, hatten wir auch selber bemerkt und solche Hitze nicht erwartet. Oben ging es einer Art Rücken entlang, wie seit Beginn der Wanderung immer im Wald. Vor der einen Kurve hatten wir nicht gerufen oder in die Hände geklatscht und unser plötzliches Auftauchen versetzte ein grösseres Tier, das Martina als Elchkuh identifizierte, in mittlere Panik. Sie rannte zwar einfach durch das Gebüsch davon, machte uns aber klar, dass das mit dem Lärmmachen vermuchtlich durchaus so gemeint war. Nicht nur hätte da auch ein Bär sitzen können, anscheinend können auch Elche durchaus agressiv und damit sehr gefährlich werden. Die einzigen grösseren Lebewesen, die wir während dem Rest der Wanderung sahen, waren aber Zweibeiner, die uns recht ähnlich sahen und weder zu beissen, kratzen noch treten versuchten. 

Schnee-Wanderung.

Bei einem der Seen sahen wir einen Biberdamm, den wir als solches erkannten, weil da ein Schild stand, das darauf hinwies und die Leute aufforderte, doch bitte davon wegzubleiben. Bewohner sahen wir aber keine. Bald darauf hatten wir die Strasse erreicht und ziemlich genau dann begann es zu regnen. Obdach hatten wir natürlich keines, mussten jetzt aber versuchen, einen Autofahrer dazu zu bewegen, uns zum Park zurück mitzunehmen. Das klappte bald und so hatten wir noch einen langen Nachmittag zum rumhängen und nichts tun. Für die Wanderung werden fünf Stunden veranschlagt und ziemlich genau so lange hatten wir auch dafür gebraucht, Mittagspause und weitere kürzere Stopps inklusive. Zurück beim Campground studierten wir einige der Schilder, wo viele der in der Region lebenden Tiere vorgestellt wurden. Neben Grizzly und Schwarzbären, Wölfen, Coyoten, Füchsen und Luchsen, Rentieren, Elchen, Dall Schafen und vielen anderen kleinen und grossen Säugetieren gab es da einen kleinen grauen Vogel, dessen Namen ich inzwischen vergessen habe, dessen Strategie für seine Futterversorgung im Winter für Vögel aussergewöhnlich war. Diese Vögelis legen Vorräte an, indem sie Samen und Körner mit klebrigem Speichel an Äste kleben. Ebenfalls kreativ ist das Vorgehen der einzigen hier lebenden Froschart. Diese kleinen Amphibien graben sich im Herbst in den Boden ein und lassen sich einfrieren. Wenn es wärmer wird, tauen sie mit dem Boden wieder auf, angeblich zuerst das Gehirn und als zweites Organ das Herz. Dann soll es hier auch ein spezielles Arctic Ground Squirrel geben, dass sich ebenfalls eingräbt und dessen Körpertemperatur unter 0 °C sinken kann ohne dass die Tiere Schaden nehmen. 

Die dritte Nacht im Park war überraschend warm. Unser Bus fuhr erst um halb zwei und so hatten wir noch Zeit, Ranger aufzusuchen und einige Fragen betr. Verhalten in Bear Country zu stellen. Wir bekamen auch ein kurzes Video zum Thema gezeigt und es wurde uns dringend angeraten, bärensichere Container zu kaufen um unser Essen zu lagern wenn wir wild campten. Wir wussten, dass das früher oder später der Fall sein wird und dass es nicht überall Bäume haben wird, die zum Aufhängen eines schweren Sackes taugen werden. Bei diesen Behältern geht es nicht nur darum, dass unser eigener Food nicht verloren geht, sondern auch darum, dass kein Bär etwas erwischen und dadurch eine Verbindung zwischen Mensch und Futter herstellen kann. Bären, die wissen, dass Menschen feine, essbare Sachen mittragen, werden gezielt danach suchen, dabei Leute gefährden und deswegen umgebracht werden. Manchmal gelingt es den Rangern, einen Bär umzudressieren, indem sie eine „Futterfalle“ stellen und dann mit Gummischrot schiessen und ihn mit Knallkörpern erschrecken, das klappt aber auch nicht immer. Und schlisslich wollen wir erstens nicht für den Tod eines Bären verantwortlich sein und zweitens unsere Sachen nicht vergebens in der Welt rumschleppen und darum werden wir uns wohl oder übel solche Container anschaffen. 

... ... ... 

In Anchorage haben wir denn genau das auch gemacht. Bei unserer vierten Einkaufstour im REI haben wir nochmals einiges an Geld liegen lassen, nicht nur für bärensichere Zylinder sondern auch für eine grössere Aufrüstung im zu erwartenden Kampf gegen die Abermilliarden von Moskitos und anderen Blutsaugern, die da draussen auf uns warten. Dazu brauchte ich einen neuen Regenschutz für meinen Rucksack und ich habe mir einen Feldstecher gekauft in der Hoffnung, damit einige Viecher aus der Distanz besser beobachten zu können. 

Am Donnerstag setzten wir uns dann mit Sage in’s Auto und fuhren nach Homer auf der Kenai Peninsula, gemäss unserer Gastgeberin eine der schönsten Regionen in Alaska. Als wir losfuhren regnete es in Anchorage, was nicht gerade vielversprechend war. Im Laufe der 5-stündigen Fahrt wurde das Wetter aber besser und als wir vor Homer auf einer Art Pass mit Viewing Area standen, schien die Sonne. Kaum kamen wir bei Willy, einem Freund von Sage, an, verliessen das Haus auch schon wieder. Für den selben Abend war schon eine erste Wanderung geplant, zusammen mit ein paar anderen Leuten. John, der Initiant jener regelmässigen Hikes hat anscheinend Land zu verkaufen und das will er den Leuten anlässlich dieser „Spaziergänge“ zeigen. Man darf aber auch mit, wenn man kein Grundstück kaufen will. So ging es erst flach in ein Tal und dann bergauf durch Gebüsch bis wir eine hübsche Aussicht auf die Katchemak Bay und die dahinter liegende Bergkette hatten. Nicht schlecht. Der Rückweg wurde abenteuerlich, die Route, die wir wählten, war nämlich kein Wanderweg sondern ein Wildwechsel. Entsprechend steil, schmal und überwachsen wir die Spur. Überraschend, dass Elche da durchklettern können. Unten im Tal mussten wir dann ein paar Mal hin und her über den kleinen Fluss, insgesamt also ein durchaus unterhaltsamer Ausflug. 

Tag Nr. 2 in Homer verbrachten wir wieder mit einem gemütlichen Spaziergang, mehrheitlich auf dem Land des „Kilcher Homestead“. Anfangs 1940er Jahre sei Vater Kilcher aus der Schweiz ausgewandert und nach einer abenteuerlichen Reise inkl. Gletscherüberquerung hier angekommen. Die Kilchers hatten acht Kinder und die „Homestead Cabin“, das nicht sehr grosse Familienhaus, ist heute, d.h. seit dem Tod des Vaters in den 90er Jahren ein kleies Museum. Renée, hast Du etwa Familie hier?!? 

Homestead Museum.

Heutzutage wird auf der Farm abgesehen von kleinen Gemüsegärten nur noch Viehwirtschaft betrieben, früher pflanzten die Kilchers aber auch jede Menge Gemüse an, das hier im Sommer dank den langen Tagen anscheinend extrem schnell und gross wächst. Geheizt wurde mit Holz und Kohle, die hier problemlos zu finden ist, wo immer eine der schmalen schwarzen Schichten an die Oberfläche kommt. Am „Strand“ entlandwandern geht hier nur bei Ebbe, man soll darum achtgeben und sehen, dass man den Strand verlässt bevor die Flut reinkommt, sonst könnte man evtl. stundenlange am steilen Hang steckenbleiben. Am Abend gingen Willy und Sage weg und Martina und ich nutzten die Gelegenheit und setzten uns in Willys Jacuzzy im Garten. 

Für den nächsten Tag war ein erst ein Besuch des Farmers‘ Market und dann ein Spaziergang auf dem Homer Spit, einer langen, schmalen Landzunge, geplant gewesen. D.h. den Markt sahen wir, wegen einsetzendem Regen sagten wir die Wanderung aber ab und gingen wir mit Sage mit, die sich als Volunteer beim Bau eines grossen Spielplatzes eingeschrieben hatte. Anscheinend ist es in den Staaten nicht unüblich, dass Kinderspielplätze von den Leuten der Ortschaft gebaut werden. Die Bauleitung ist professionell, dazu hat es einen Haufen Leute mit gelber Weste, die einem sagen, was man wo, wie und wann machen kann und so packt fast das ganze Dorf mit an. Man wird auch eingeteilt in „skilled“ und „unskilled“, was sich auf den Umgang mit Werkzeugen wie Bohrmaschinen, Kettensägen u.ä. bezieht. Da wir uns als unskilled deklariert hatten, wurden wir erst zum Kiesschaufeln eingeteilt und als wir da überflüssig wurden, bekamen wir den Auftrag, Plastikkäppchen auf abgesägte Pfähle einer Kletterburg zu montieren. Somit wurden wir zu skilled befördert, da wir dazu elekt. Bohrmaschinen bzw. Schraubenzieher in die Hand gedrückt kriegten. Nach einem ersten erfolglosen Versuch klappte die Schraubenreindreherei dann auch wie geplant, ausser dass wir an einigen Stellen schlicht nicht rankamen. Wir setzten aber pflichtbewusst alle Käpplis auf und schraubten an, was wir konnten und gaben den Job dann an eine wirklich skilled Person weiter. Dann wurden wir damit betraut, die noch nicht angemalten Teile der Kletterburg zu streichen. Ohne Schutzkleidung versteht sich, was man Martinas schwarzen Hosen nun eine ganze Weile ansehen wird. Dass aber Regen nicht gerade hilfreich ist, um Holzbretter anzumalen, war eigentlich von Beginn weg klar gewesen, und als das Wasser begann, die Farbe wieder abzuwaschen, bzw. die Tropfen hässliche Linien zogen, wurden wir schliesslich angewiesen, die Malerei zu vertagen. Zum Malen hatten wir die Regenjacken ausgezogen, da wir die nicht auch farbig wollten, waren so logischerweise aber ziemlich nass geworden und frohren nun. So verschoben wir uns zum Snack-Zelt, wo es heisse Getränke, Guetslis, Cracker und anderen Food gab. Den Abend verbrachten wir erst am 70. Geburtstagsfest von Mossy Kilcher, der ältesten Kilcher-Tochter und anschliessend in einer Bar mit cooler Musik. 

Adler in Anchorage.

Zurück in Anchorage packten wir unsere Velos, da Sage kurzfristig (bevor wir nach Homer gingen) festgestellt hatte, dass wir nur bis Sonntag Abend bei ihr bleiben konnten. Sie selber fliegt am Mittwoch für eine 6-wöchige Velotour in die Türkei und muss vorher noch aufräumen und packen. Dave, unser neue Host, kam aber erst um Mitternacht nach Hause, weshalb wir um 00.30 Uhr das Zuhause wechselten. Er nahm das aber gelassen und lud uns am Morgen darauf zum Frühstück ein. Am Nachmittag lernten wir dann eine sehr interessante Persönlichkeit kennen: Alvaro, el Biciclown. Alvaro ist ein spanischer Clown, der seit zehn Jahren durch die Welt kurvt und gratis Clownvorführungen abhält nach dem Motto „Miles of Smiles Around the World“. 

Jetzt bleiben uns noch einige wenige Tage hier in Anchorage, dann gilt es wieder ernst und nach über einem Monat Pause werden wir uns wieder auf unsere Velos setzen. Ziel der nächsten Etappe: Inuvik, 200 km nördlich des Polarkreises in Kanada.

Samstag, 19. Mai 2012

Bellingham - Anchorage: Inside Passage

Zurück in Bellingham holten wir unsere geliebten Bicis aus der Werkstatt und versuchten, etwas Ordnung in unser Gepäck zu bringen. Wir gingen auch beim Ferry Terminal vorbei und holten unsere Tickets vorgängig ab. Die Buchung war eine ziemliche Zangengeburt gewesen, d.h. es hatte eine volle Woche gedauert, bis Martina ein Bestätigungsmail gekriegt hatte, und das, obwohl sie telefonisch nachgefragt hatte. Offensichtlich hat das aber trotzdem geklappt, jedenfalls erhielten wir die Papierlis anstandslos ausgehändigt. Hoffentlich, wir hatten auch genug dafür bezahlt. $ 547/Person kostet die Beförderung, ohne Bett und ohne Futter. Da Martina nicht fünf Nächte lang irgendwo auf einem Sessel oder am Boden schlafen wollte und die günstigsten Kabinen schon ausgebucht waren als wir die Reservation vorgenommen hatten, hatten wir nun eine Kabine, die $ 442 gekostet hat. Dazu kamen $ 89/Velo. Und wie gesagt, da ist kein Food inbegriffen, ergo gingen wir noch shoppen. Kochen würde auf dem Schiff nicht gehen, wir wussten aber, dass wir Zugang zu einer Mikrowelle haben würden. Entsprechend musste Mikro-taugliches Futter ran. Nicht zu vergessen alle möglichen Snacks für davor, danach und dazwischen, jene fertigen Mikro-Portionen sind schliesslich genau das: mikro-skopisch klein. 

Fähre bereit zur Reise nach Alaska.

Am 12. Mai am Nachmittag verabschiedeten wir uns also von den gerade anwesenden Bewohnern der Oasis, Rowan begleitete uns zum Terminal. Dort mussten wir kaum warten, wir konnten boarden noch bevor irgend ein Auto geladen war. Als uns gesagt wurde, wir sollten die Velos einfach an eine Wand zu lehnen, fanden wir, das das für den Preis zu billig sei und erhielten auf Anfrage tatsächlich Abspannriemen. Somit waren wir bereit zum Bezug unserer Kabine. Wir hatten unser Gepäck so umgebiegen, dass wir nur wenig Zeug mit raufnehmen mussten. Beim Purser, so quasi dem Receptionist des Schiffes, erhielten wir die Schlüssel und einen Plan des Schiffes. In unserer Luxuskabine fanden wir ein Bunkbett, ein Lavabo und Handtücher. Fast wie im Hotel. Ein privates Klo hatten wir nicht, die öffentlichen Toiletten befand sich praktischerweise aber vis-à-vis unserer Zimmertür, also etwa einen Meter entfernt. 

Unsere Kabine.
Überall im Schiff hingen Kotztüten.

Wir unternahmen einen Spaziergang durch‘s Schiff um uns zu orientieren. Auf dem obersten Deck hatte es eine Art „Solarium“, dort standen schon einige Zelte rum. Zelten ging aber natürlich nur mit einem freistehenden Hüttchen, weshalb das für uns nicht in Frage kam. In der „Upper Aft Viewing Loung“ auf dem Sun Deck (einen Stock tiefer) war zeltloses Schlafen auf Sitzen oder Boden erlaubt, da hatte sich auch schon einer eingenistet. Auf dem Boat Deck befanden sich Cafeteria, Bar, Gift Shop, Kinder-Spielecke, Kino und die Forward Observation Lounge, die sich als unser bevorzugte Aufenthaltsort herauskristallisieren sollte. An den Wänden und Cafeteriatischen hing und klebte geschichtliche Information betr. Gold Rush, aber auch über Flora und Fauna. 

Wir legten kurz nach 18 Uhr ab. Nach etwa drei Stunden kam der Frachthafen und dann Downtown Vancouver in Sicht, danach nichts mehr, das wir kannten. Am Nachmittag fuhren wir an zwei kleinen Dörfern vorbei und wunderten uns, von was man dort wohl lebt. Fischerei und Holzschlag? Viel Aufregendes passierte dann nicht mehr und es gab auch nichts Aufsehen erregendes zu sehen. Links und rechts bewaldete Hügel, rechts hinter den Hügeln oft Schneeberge. Am zweiten Morgen nach 8 Uhr kamen wir in Ketchikan an, wo wir zum ersten Mal Alaska-Boden betreten konnten. Das kleine Städtchen war noch ganz herzig mit einem grossen Adler, zwei Totempfählen und einem historischen Stadtteil (konkret: der ehemalige Rotlichtviertel). 

So oder ähnlich sah es fast überall aus.
Adler in Ketchikan.
Historische Creek Street.
 
Nach etwa zwei Stunden Landgang namen wir den Bus zurück zum Fährhafen. Der Rest des Tages verlief eintönig, wir hatten viel Zeit zum Lesen, Computer Games spielen und mit anderen Leuten schwatzen. Am dritten Morgen um 6 Uhr kamen wir in Juneau, Alaskas Hauptstadt, an. Da der Fährhafen aber etwa 15 Meilen ausserhalb der Stadt lag, machten wir uns gar nicht erst die Mühe, früh aufzustehen. Im Laufe des Tages fiel dann klar auf, dass die Schneegrenze immer tiefer sank, von ein paar hundert Metern auf ein paar wenige Meter über Meer. Einmal sahen wir kurz einen Wal, einige meinten, es sei ein Orca gewesen. Sonst passierte nicht viel. Wir hatten jedoch einen Job während dieser Reise. Zwischen Whittier (wo wir ausstiegen) und Anchorage führt die Strasse durch einen Tunnel. Der ist einspurig, je eine Seite hat freie Fahrt, und da Velos dieses System durcheinanderbringen würden, sind sie dort drin nicht erlaubt. Also mussten wir uns nach einer Mitfahrgelegenheit umschauen. Unsere Idee, unser Anliegen per Lautsprecher vortragen zu lassen, konnte nicht umgesetzt werden, weil man im Falle eines Unfalls nicht „liable“ sein will *kopfschüttel*. Die dritte Person bzw. Gruppe, die wir ansprachen, meinte, sie hätten ein riesiges Wohnmobil und problemlos Platz für uns, zwei Velos und unser Gepäck. Perfekt, somit war dieses Problem schon mal gelöst. Im Laufe des Nachmittags waren wir aus der „Inside Passage“ rausgekurvt und befanden uns nun auf offenem Meer, dem Golf von Alaska. Auch wenn das Meer eigentlich ruhig war, hatte es doch spürbar mehr Wellen und wir torkeln nun alle wie besoffen im Schiff herum. 

Am vierten Morgen, wiederum um 6 Uhr, legten wir in Yakutat an. Wir wissen nicht, ob es dort etwas zu sehen gegeben hätte, wir hatten aber eh keine Lust, so früh aufzustehen, also gingen wir der Frage gar nicht erst nach. Als wir uns dann endlich aus dem Bett gegraben hatten, stellten wir fest, dass wir einer schönen, weissen Bergkette entlangfuhren. Das waren nicht mehr nur verschneite Hügel, sondern ein richtig schroffes Massiv. Leider entfernten wir uns später mehr vom Ufer und die Berge waren nur noch knapp am Horizont erkennbar. 

Zwischendruch mal ein Sonnenstrahl.
Aussicht vom Golf von Alaska.

Am folgenden Morgen war um 5 Uhr Tagwach, die Fähre legte planmässig um 6 Uhr in Whittier an. Der Tag versprach, genial sonnig zu werden, als aber die Bucht und die Berge rundherum in Sicht kamen, waren wir etwas geschockt. Alles tief verschneit, da herrschte noch tiefer Winter! Ok, Strassen etc. waren natürlich frei, aber jede naturbelassene Oberfläche war Schnee bedeckt. Na, dann mal viel Spass!!! Bevor wir aussteigen konnten, mussten wir erst unsere Bicis finden. Die waren in der Zwischenzeit umparkiert worden. Wenig Freude hatte ich, als ich feststellte, das meins unter eine Metallablage gequetscht worden war und der Regenüberzug meines Rucksacks dabei Schaden genommen hatte. Das war nun schon das zweite Mal, dass Fähr-Leute mein Velo respektlos behandeln (in Nicaragua hatten sie es kurzerhand unter einen Laster geschmissen um Platz zu schaffen), langsam nervt’s ziemlich. Wir warteten auf dem Parkplatz auf die Leute, die uns durch den Tunnel nehmen sollten, luden dann alles ins Wohnmobil und standen kurz darauf vor dem Tunnel in der Schlange. Irgendwas sorgte für Verzögerung und wir mussten eine Weile warten. Jener Tunnel ist speziell. Autos und Zug teilen sich dieselbe, einspurige Fahrbahn, jeweils eine Seite ist für eine gewisse Zeit offen, dann ist die andere Seite dran. Zwischendurch müssen wohl alle Autos warten, wenn der Zug andanpft. 

Fährdock in Whittier.

Unsere neuen Freunde hatten uns gesagt, sie würden kurz vor Anchorage von der Hauptstrasse abbiegen und uns rauslassen. „Kurz vor“ hiess in diesem Fall rund 58 Meilen. Obwohl flach, hätte sich das ganz schön in die Länge gezogen und darauf waren wir nicht wirklich vorbereitet. Futter- und wassertechnisch und auch sonst. So stellten wir uns kurzerhand an den Strassenrand und streckten die Daumen raus. Auf der anderen Seite der Berge hatte es deutlich weniger Schnee und es war sogar verhältnismässig warm. Nach etwa 15 Minuten hielt ein Pick-up und kurz darauf flitzten wir mit hoher Geschwindigkeit über den Highway. Diesmal wurden wir wirklich kurz vor Anchorage, rausgelassen, oder besser gesagt, bei einer Mall in the „Outskirts“. Da der Zmorge schon lange Geschichte war, steuerten wir den nächstbesten McDonald’s an und behoben allfällige Hungergefühle. Danach pedalten wir noch um die 10-12 km bis zum Haus unserer WS-Gastgeberin, stiegen wie instruiert durch die Garage ins Haus ein, deponierten das Gepäck und studierten etwas die Strassenkarten und den Stadtplan, die sie für uns rausgelegt hatte. Dann ging’s ab ins Zentrum, wo wir erst mal der Visitor Center einen Besuch abstatteten. Das hätten wir uns schenken können, die einzig brauchbare Information, die wir erhielten, war an wen wir uns wenden mussten, wenn wir wirklich etwas wissen wollten. Also zogen wir ein Haus weiter, stellten sämtliche Fragen nochmals und erhielten diesemal brauchbarere Antworten. Unser Haupt“problem“ war, dass die Kenai-Halbinsel südlich von Anchorage angeblich sehr schön ist, aber keine Rundtouren möglich sind und sich darum die Frage stellte, ob wir vom Ende der Strasse per Fähre weiterreisen und uns so eine sinnvolle Route zusammenstellen konnten. Erst an jenem Morgen war uns in den Sinn gekommen, dass wir ab besten mit der Fähre bis Homer (am Ende ebendieser Strasse) und von dort per Velo nach Anchorage gefahren wären. Wären, wenn wir das früher geschnallt hätten. Haben wir aber nicht, weshalb es jetzt kompliziert wurde. Unsere anschliessende Futtersuche führte uns an einen Stand, wo eine Kolumbianerin arbeitete. Wir konnten endlich wieder einmal auf Spanisch mit jemandem plaudern und unsere Welt war wieder in Ordnung. 

Am späteren Nachmittag lernten wir Sage, unsere Gastgeberin hier in Anchorage, kennen. Sie ist auch Ciclista, ist durch Alaska und einige Gebiete in Asien getourt und eine sehr sympatische Person. Abends kam noch eine ihrer Freundinnen, die Ende 80er Jahre per Velo den Dempster raufgestrampelt war. Das war natürlich super Timing und das Treffen für alle sehr interessant. Ebenfalls Neuheitswert hatte die Tatsache, dass es um halb zwölf in der Nacht nicht dunkel war. So etwas dämmerig, aber eben doch noch recht hell. Der Morgen kam bald und ausschlafen war nicht angesagt. Es war landesweiter „Bike to Work Day“ und um die Sache interessant zu machen, hatten einige Firmen und Organisationen regelrechte Futterstände eingerichtet, wo teilweise eine richtige Party abging. Wir softcore Toureras waren etwas geschockt ab einigen Einheimischen, die mit kurzen Hosen unterwegs waren, während wir es eindeutig als kalt empfanden (teilweise mit Frost am Boden). Aber es gibt hier anscheinend auch Leute, die im Winter mit dem Rad zur Arbeit gehen (bei -30 °C und darunter!), insofern sollte es eigentlich nicht überraschen, dass die Leute in Sommer-Stimmung sind, kaum scheint die Sonne und es ist etwas wärmer. 

Bike to Work-Party am frühen Morgen.

Auf jeden Fall hatte die morgendliche Stadtrundfahrt Spass gemacht und wir hatten anschliessend unseren Side-Trip in den Denali National Park gebucht. Dort werden wir eine Bustour machen und ein paar Hiks, drei Nächte campen und dann zurück nach Anchorage hitchen. Wenn alles klappt, gehen wir hinterher mit Sage per Auto auf die Kenai Peninsula. Der Wetterbericht ist gar nicht so schlecht...

Samstag, 12. Mai 2012

Bellingham, Vancouver und Vancouver Island

Wir waren also in Bellingham „gelandet“, im quirrligen, bunt gemischten Haus „Oasis“, das über einen grossen Garten und eine Schar eigene Hühner verfügt. Da wir unsere Bicis für die nächste grosse Etappe, Alaska, Yukon und Nothern Territories, fitmachen mussten, brachte Shana uns ins Zentrum zu einem grossen Veloladen mit Werkstatt. Abgesehen vom üblichen Service brauchte mein treues Zweirad vorne eine neue Felge und, wie der Mech meinte, ebenfalls eine neue Kette und ein neues Ritzel. Hä, ein neues Ritzel? Ich war etwas geschockt, dieses Ritzel sitzt seit San Diego dran und konnte meiner Meinung unmöglich schon so abgenutzt sein. Das alte war von San Pedro de Atacama bis San Diego gereist, und die Kette von Panama City bis in die Staaten. Der Mech war aber der Ansicht, dass eine neue Kette sehr wahrscheinlich mit diesem Ritzel nicht kompatibel wäre, was zu Problemen beim Schalten führen würde. Wie diese Probleme aussehen würden, kann ich mir nur allzugut vorstellen, war doch genau das passiert, als ich in Mendoza zum ersten Mal die Kette ausgetauscht hatte und sie danach im ersten Gang dauernd rausgefallen war. Was mich bei der Überquerung des Paso Jama beinahe zur Verzweiflung und in den Wahnsinn getrieben hatte. Sowas wollte ich natürlich überhaupt nicht riskieren und so stimmte ich wohl oder übel dem teuren neuen Material zu. 

Martina fuhr zwei Tage früher als ich nach Vancouver, ich verbrachte die restlichen Tage mit Matte waschen, in der Stadt umherwandern und einem Besuch des Farmers Markets. Da ging ich mit Rowan und Shana hin und das war recht unterhaltsam. Erst mal waren da all die Stände der lokalen Bauern, Bäckereien und diversen Handwerkern. Besonders aufgefallen war mir ein Fruchtsaft-Stand, wo man seinen Saft per Veloantrieb selber mixten konnte, ganz nach dem Prinzip der BiciMachinas von MayaPedal in Guatemala. Dazu gab es natürlich musikalische und sonstige Unterhaltung aller Art. Bei einer der Bands war ein Bewohner der Oasis dabei, die von uns natürlich immer besonders viel Beifall erhielt. 

BiciMachinas auch in Bellingham.

Am 29. April morgens nahm ich dann den Zug nach Vancouver, der interessanterweise günstiger war als der Greyhound Bus. Als wir damals von Portland nach Seattle mussten, hatten wir auch den Zug abgecheckt und der war um einiges teurer gewesen. Was ich nun auch verstand, man hat massiv viel mehr Platz und die ganze Sache ist auch sonst viel konfortabler. Vor Verspätung ist aber auch Amtrak nicht gefeit. Das war mir in diesem Fall aber egal, verdutzt war ich erst, als wir in Vancouver am Bahnhof ankamen und die Gleise so total vergittert waren, dass man sich fragen musste, ob sich da in der Regel hunderttausende von illegalen Einwanderern oder sonstigen Schwerkriminellen einzuschleichen versuchen. Aber gut, irgendwie muss man ja sicherstellen, dass die Leute das korrekte Einreiseprozedere durchlaufen.

In Kanada erst mal hinter Gittern.

Da ich erst am 30. April zu meiner ehemaligen Gastfamilie konnte, verbrachte ich die erste Nacht in einem Hostel (länger in Bellingham zu bleiben, wäre nicht mehr so unterhaltsam gewesen. Gemäss dem Grenzbeamten war das kein so gutes Quartier, was mir aber nicht weiter aufgefallen wäre. Es lag gleich neben der Chinatown, wo ich mich am Nachmittag etwas umschauen ging. In Chinatown kanne ich eh nichts wirklich, einige der Orte in Downtown Vancouver, die ich sehr wohl kannte, hatten sich schon recht verändert. Vor allem standen da viel mehr glasige Hochhäuser als vor zehn Jahren. Zum Glück war das Wetter einigermassen freundlich, so konnte ich unbehelligt rumspazieren. 

Am Montag zügelte ich dann per Skytrain nach Burnaby, wo Billie, meine Gastmutter von meinem Sprachaufenthalt im Jahr 2002, und ihre inzwischen 21-jährige Tochter Sahar mich abholten. Die Freude, sich nach so langer Zeit wiederzusehen, war offensichtlich gegenseitig. Die Umgebung war mir aber fremd, da die Familie in der Zwischenzeit umgezogen war. Viel hatte ich für die kommenden Tage nicht geplant, Aktivitäten in Vancouver sind immer stark vom Wetter abhängig. So scheiterte denn auch mein Versuch, auf den Grouse Mountain, Vancouvers Hausberg, zu wandern, nicht weil es geregnet hätte, sondern weil der Weg anscheinend teilweise noch schneebedeckt und somit noch geschlossen war. Die Enttäuschung über die abgesagte Wanderung hielt sich aus zwei Gründen in Grenzen. Dass vom Gipfel aus wolkenbedingt wenig zu sehen gewesen wäre, war offensichtlich und die Erkältung, die ich in der Schweiz eingefangen hatte, und die mich nun seit Wochen treu begleitet hatte, hatte seit Kurzem eine Renaissance erlebt und so war mir gar nicht wirklich nach Bergsteigen zu Mute. Immerhin, das Reisli hatte mich aus dem Haus gebracht und Seabus (Passagierschiff von Nordvancouver ins Zentrum) fahren, machte trotzt allem Spass. 

Downtown Vancouver.

Wegen wenig Sonne und viel Regen waren die drei Tage in Vancouver also nicht sehr aktionreich. Da ich noch einiges zu bloggen hatte, belastete mich das schlechte Wetter aber nicht allzusehr. Und mit meiner Gastfamilie gab es auch immer wieder sehr interessante Unterhaltungen, langweilig war mir also nie. Am Freitag setzte mich mich dann aber, immer noch bei Regen, in einen Greyhound zur Horeshoe Bay, wo eine Fähre nach Nanaimo auf Vancouver Island fährt. Wie vorausgesagt, besserte sich das Wetter nun und man konnte auf der Fähre auch mal raus und sich darüber freuen, dass man nicht mit eigener Kraft gegen den Wind ankämpfen musste. Von Nanaimo aus ging’s per Island Express Bus weiter nach Port Alberni, das etwa auf halber Strecke nach Tofino liegt. Ich hatte die Destination meines kleinen Ausflügleins ziemlich willkürlich ausgewählt, so ungefähr nach dem Kriterium günstige Unterkunft und Wandermöglichkeiten. Die günstige Unterkunft hatte ich gefunden, die Wanderungen stellten sich, wie eigentlich häufig, als nicht ganz trivial heraus, wenn man kein Auto – oder Velo – hatte. Am Samstag war es aber tatsächlich sonnig und so unternahm ich den Versuch, zur Cathedral Grove zu hitchen, einem Stück Wald mit altem Baumbestand. Ganz einfach war das mit dem Hitchhiken nicht, aber mit der Hilfe eines netten Busfahrers und schliesslich einem netten Autofahrer, gelang es mir, mich zur Cathedral Grove durchzuschlagen. Dass Douglass Firs und Red Cedars nicht so riesig sind wie Redwoods war klar, aber ich wollte mich gerne einmal so lange ich wollte in einem solchen Wald aufhalten ohne den Stress, immer gleich wieder weiterzumüssen um den angepeilten Zeltplatz bald zu erreichen. Ich werde euch aber nicht mehr mit sich wiederholenden Fotos von immer gleich aussehenden Bäumen langweilen, schliesslich gab es auch sonst Interessantes  –  und Schockierendes  –  zu sehen. 

Red-breasted Sapsucker.
Perspektivenwechsel.
Wie bitte...!?!?

Dieser eher wenig anstrengende Ausflug zu den Bäume war genau richtig an jenem Samstag. Ich fühlte mich schlapp und hatte keine grosse Lust mit irgend jemandem zu reden oder weitere Strecken zu marschieren. Am Sonntag sah die Welt schon bedeutend besser aus, nicht nur in Bezug auf meine Laune, sondern auch auf das Wetter. Der Himmel war nun strahlend blau und nur am Horizont waren ein paar läppische Wölklein zu sehen. Ich hatte eine Wanderung zu einem Lookout geplant, was bei guter Sicht naturgemäss mehr Sinn macht. Zu Fuss unterwegs zu sein, hatte allerdings den Nachteil, dass ich erst gute zwei Stunden dem Highway entlang latschen musste, um überhaupt zum Wanderweg hinzukommen. Es ging bergauf und die Sonne heizte mich bald auf und auch im Schatten im Wald war es locker warm genug um nur im T-Shirt zu wandern. Ausser mir waren einige andere Leute unterwegs, wirklich nerven taten aber nur diese bekloppten vierrädrigen Motorräder, mit denen man heutzutage anscheinend sogar schon Familienausflüge unternimmt. Ausserdem war da noch ein Velorennen im Gange, aber ein etwas seltsames. Anscheinend war das ein Downhill-Rennen, wenn es bergauf ging, schoben alle ihre Räder. Verwundert fragte ich einen Teilnehmer, warum denn niemand bergauf strample und die Antwort war, die Velos seien zu schwer dafür. Ich fragte nicht nach dem Gewicht, aber ein Rennen, wo fast das gesamte Feld schob, fand ich schon etwas schräg. 

Schiebende Downhilleros.

Endlich oben, sah ich die ganze Schar Ciclistas beieinander, einige kamen auch gerade erst an. Der Hügel muss das Ziel gewesen sein, nach einem organisierten „Zieleinlauf“ sah das aber nicht aus und ob jemand die Zeiten stoppte, war nicht zu erkennen. Aber ok, ich muss ja auch nicht alles verstehen. Ich setzte mich in die Sonne und genoss die Aussicht. D.h., das, was man sah, war mehrheitlich die Stadt unten im Tal. Klar, und die umliegenden Hügel, die hübsch und teilweise noch schneebedeckt, aber sonst nicht weiter beeindruckend waren. Unten im Tal war der dunkle Wald vielerorts durch Holzschlag abgeschabt, was wie so oft, ziemlich tragisch aussah. Ich hatte eigentlich geplant, noch eine weitere Wanderung anzuhängen, fand es da oben aber so friedlich, dass ich mich mit einem Buch hinter einige Bäume und Büsche verzog und erst mal nirgendwohin weiterging. Auf dem Rückweg ging’s bergab und somit etwas schneller, aber längeres Gehen auf Asphalt und entlang Strassen ist nun mal wenig motivierend und so fühlte ich mich recht kaputt als ich wieder beim Hostel ankam. Im Haus war es kalt wie immer aber der nette Besitzer hatte mir schon gleich nach meiner Ankunft als er meine Erkältung bemerkt hatte Pfefferminze, Zitronenmelisse und sonst noch etwas aus dem Garten gebracht und der Tee gab nicht nur warm sondern eliminierte auch recht effizient meinen Husten.

Am nächsten Morgen stieg ich in den 10.30 Uhr Bus zurück nach Nanaimo und von dort aus per Fähre und nochmals per Bus nach Vancouver. Auch auf dem Festland war es immer noch sonnig und so machte gemätliches Sight Seeing bedeutend mehr Spass. Da gab es zum Beispiel so komische Dinge wie  eine "Steam Clock" zu sehen oder das Gerüst oder Monument oder wie man das Ding auch immer bezeichnen will, wo im Februar 2010 die Olympische Flamme gebrannt hatte.

Steam Clock.
Da oben hatte die Olympische Flamme gebrannt.

Allzubald hiess es aber schon wieder Abschied nehmen. Ich hatte die paar Tage bei meiner Gastfamilie sehr genossen und das "goodby" hier fiel mir um einiges schwerer als daheim "tschüss, bis bald" zu sagen. Wer weiss, wann es mich zum nächsten Mal nach Vancouver nach Vancouver verschlägt.

Billie und Sahar, Nizam war leider schon weg.

Billie, Nizam and Sahar, thank you so much for letting me stay with you, for all your kindness and care, the good food, the interesting talks and, of course, for the magic raisins:-).

Mittwoch, 2. Mai 2012

Seaside - Bellingham: Regen auf der Olympischen Halbinsel

Unsere Rückreise verlief ereignislos und war trotzt fieser Erkältung einigermassen konfortabel. Sogar die Einreise in die USA stellte uns vor keinerlei Probleme. Irgendwie ist in diesem Land alles, was man als potentiel problematisch erwartet, einfach und das, was man meint, sollte easy sein, ist unglaublich kompliziert. Zu unserer Überraschung war nicht nur der Greyhound Bus von Seattle nach Portland pünktlich, auch die Verbindung nach Seaside hat funktioniert. Einfach so, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre (was es ja auch ist). In Seaside blieben wir nochmals zwei Tage, dann ging es weiter, wie immer nach Norden. Bis Bellingham hatten wir zehn Tage veranschlagt. 

Als wir auf den HWY 101 steuerten, schien leicht die Sonne, was wir zu schätzen wussten und was in den nächsten Tagen nicht mehr selbstverständlich war. Das Land war war ziemlich flach und bis Astoria gab es nichts Überragendes zu sehen. Dort, an der Grenze zum Staat Washington, änderte sich das als die Bücke über den Columbia River in Sicht kam, die vermutlich die längste Brücke, die wir je gesehen und überquert hatten. Meistens sehen solche Bauwerke zwar cool aus, sind aber für Velofahrer nicht so praktisch, da die Fahrbahnen auf Brücken recht eng sind. Hier gab es aber sogar einen schmalen Seitenstreifen, der Querung stand also nichts im Wege und Velos waren offiziell erlaubt. 

Brücke über den Columbia River.
 
Erwartungsgemäss änderte sich in Washington erst mal nicht so viel. Es war erst mal immer noch flach und auch alles immer noch grün. Wir pedalten nichtsahnend vor uns hin als auf der anderen Strassenseite ein weisser Van hielt und der Fahrer bei heruntergelassenen Scheibe zu uns rüberschaute. Ich traute meinen Augen kaum als ich Steve erkannte, unseren Host von North Bend, den wir in Matzatlan kennengelernt hatten. Martina hatte mit ihm Mails ausgetauscht und er hatte offenbar gewusst, dass wir an jenem Sonntag weiterfahren würden. Er war gerade dabei, Möbel in der Welt herumzukurven und hatte wohl gedacht, er schaue mal, ob er uns antreffen würde. Hatte geklappt und wir schwatzten eine Weile. Schliesslich fuhren wir weiter nach Ilwaco, einem verschlafenen und etwas verlassen wirkendem Dorf, wo wir von der Hauptstrasse abbogen und die hügeligen letzten Kilometer bis zum Cape Disappointment State Park in Angriff nahmen. Der Park war offen und hatte Hiker/Biker Sites, der Standard konnte aber nicht mit den eher luxuriösen State Parks in Oregon mithalten. Die 58.27 km km hatten wir in 3:36 Stunden zurückgelegt, was keiner Mammut-Etappe entspach und so hatten wir am Nachmittag noch etwas Zeit zum rumhängen. 

Am folgenden Morgen schafften wir es gerade noch, all unser Zeug zusammenzupacken bevor es zu regnen begann. Dieser zweite Tag war noch weniger actionreich und mit dem nassen Wetter eh wenig speziell. Die Strasse führte den ganzen Tag mehr oder weniger nahe am Meer entlang, ausser Wasser, Wald und sumpfigen Wiesen gab es kaum was zu bestaunen. Wir hatten geplant, im Bruceport County Park zu übernachten, der Park war aber wenig kooperativ. D.h. erstens geschlossen und zweitens war das Wasser abgestellt, was uns zum Weiterfahren zwang. Im einige Kilometer entfernten South Bend gab es eine Touri-Info, wo uns gesagt wurde, dass es im nochmal einige Kilometer weiter entfernten Raymond einen günstigen RV Park gäbe. In Zeitdruck waren wir nicht und wirklich eine Wahl hatten wir auch nicht, so strampelten wir eben weiter. Und tatsächlich, für $ 5 pro Person durften wir im RV Park unter einigen Bäumen unser Zelt aufstellen und als Zugabe schien sogar die Sonne und wir konnten unsere nassen Sachen trocknen (84.85 km, 5:28 Stunden). 

Mein neuer Gallions-Schlumpf.
 
Wieder ein nasser Tag, am Morgen noch recht ok, so etwa ab Mittag konstant verregnet. Wieder ging’s dem Meer entland in gleichbleibender Landschaft. Unser Plan sah vor, in Westport eine Fähre nach Ocean Shores zu nehmen und im Ocean City SP zu zelten. Wie sich herausstellte, gibt es jene Fähre aber schon seit rund vier Jahren nicht mehr, die Wegweiser sind aber immer noch vorhanden. Schräg. Trotzt Regen blieb uns schon wieder nichts anderes übrig, als weiterzufahren, diesmal mit dem Ziel Aberdeen. Eines der zahlreichen verlassenen Häuser der Region bot eine gute Gelegenheit für eine Zmittag-Pause mit Dach, kalt war es aber natürlich trotzdem. Es war uns gesagt worden, dass es um/in Aberdeen keine Campgrounds oder RV Parks gäbe und die Information stellte sich als korrekt heraus. Kein Wunder, wer würde schon in dieser depressiven Stadt Ferien machen wollen, mit den vielen Obdachlosen und anderen komischen Gestalten. Da es immer noch in Strömen regnete, fragten wir in einem Motel nach dem Preis. $ 55. Der freundliche Asiate bot uns an, uns die Steuern zu erlassen, was einem Rabatt von etwa $ 5 gleichkam. Wir schauten uns ein Zimmer an und stellten fest, dass man in Washington für $ 50 eine klar schlechtere Qualität bekommt als in Oregon. Unsere Nachfrage, ob das denn das günstigste Motel der Stadt sei, wurde bejaht (was wir angesichts der anderen Gästen auch glaubten). Was wir uns denn für einen Preis vorstellten, wurden wir gefragt. Als Martina meinte, in Oregon hätten wir für $ 40 Motelzimmer gekriegt, gab uns der Herr das Zimmer kurzerhand zu ebendiesem Preis. Wow, das war mega nett. Obwohl alles etwas schäbig und schon fast im Mexiko-Stil, waren wir natürlich erfreut über den günstigen Preis und einem Dach über dem Kopf, Heizung inklusive (90.5 km in 5:21 Stunden). 

Wo genau die Olympic Peninsula beginnt, ob schon nördlich vom Columbia River oder erst nach Aberdeen weiss ich nicht. Nun waren wir jedenfalls darauf. Dass jene Halbinsel eine sehr niederschlagsreiche Region ist, hatten wir gehört. Auch diesmal war das Hörensagen korrekt. Es regnete am nächsten Tag zwar nicht gerade non-stop, aber doch immer mal wieder und nochmals dann und wann. Die Strecke zum Quinault Lake war etwas hügeliger als die Tage zuvor und unser auserwählte Zeltplatz, der Wallaby Campground, saisonbedingt geschlossen. Und das Wasser abgestellt. Da aber einen knappen halben Kilometer entfernt ein Wanderweg begann, wo es auch Parkplätze und Toiletten gab, konnten wir uns Wasser beschaffen und entschieden uns so zum bleiben (71.91 km in 4:42 Stunden). Der Quinault Lake liegt mitten im Regenwald. Nicht tropischem, logischerweise, aber eben trotzdem Regenwald. Auch wenn es am Nachmittag aufhörte zu regnen, so war doch alles recht feucht, bzw. nass. Aber wunderschön und nicht mit den Holzplantagen, die wir bisher gesehen hatten, zu vergleichen. Vermooste Bäume und 400 Jahre alte Douglas Fir Trees haben eben eine andere Ausstrahlung als aufgeforstete Clear Cut-Flecken. An die wir uns jedoch fast gewöhnt hatten. In der Gegend wird intensiv Holzwirtschaft betrieben, was hier heisst, dass grössere Waldabschnitte kahlgefällt werden und, um den Holznachschub für die Zukunft zu gewährleisten, danach wieder Bäumlis angepflanz werden. Ein solcher Baum hat eine Lebenserwartung von rund 60-70 Jahren. 

Farn-Baby im Regenwald. 
Douglas Fir.
Lake Quinault nach Sonnenuntergang.

Gegen Abend bekamen wir sogar noch Gesellschaft auf dem verlassenen Zeltplatz. Zwei junge Amis aus Olympia, die auf einer dreitägigen Velotour waren und auch nichts gegen eine gratis Übernachtung einzuwenden hatten. Die beiden hatten für den folgenden Tag eine viel längere Etappe als wir geplant, irgendwie schienen sie aber nicht schneller vorwärtszukommen als wir. Wir starteten vor ihnen, sie überholten uns während unserer ersten Pause, wir überholten sie anlässlich ihrer Pause usw. usw. Am Nachmittag pisste es natürlich wieder uns als wir in Kalaloch vor der geschlossenen Rangerstation sassen, Zmittag assen und werweissten ob der örtliche Campingplatz wohl offen sei. Unerwartet guckte ein Ranger heraus und sprach uns an. Er meinte, der Zeltplatz sei offen, verwies aber auch auf verschiedene andere Unterkünfte, von denen wir meinten, sie seien zu teuer. Der hilfsbereite Mann machte für uns ein paar Telefonate und empfahl uns dann ein rund 14 Meilen entferntes B&B, wo wir ein Zimmer für $ 40 angeboten bekommen hatten. Das Frühstück dort sei phänomenal. Angesichts der massiv erhöhten Luftfeuchtigkeit mit nichtexistenter Aussicht auf Besserung entschlossen wir uns, die noch etwa 23 km weiterzufahren. Wir sahen unsere beiden jungen Freunde ein letztes Mal, bis wohin die zwei es an jenem Tag effektiv noch geschafft haben, wissen wir nicht. 

Wir dagegen erreichten etwa um 15.30 Uhr die Hoh Humm Ranch, die in einem weiten, regengrauen Tal lag (76.83 km, 4:35 Stunden) und kriegten dort ein herziges Zimmer, das wir erfolgreich gegen die vielen Katzen verteidigen konnten. Wir durften dort auch die Küche benutzen und hatten somit auch unser Abendessen gesichert. Wie angekündigt gab es am Morgen ein cooles Frühstück mit Rührei, Speck, Hash Browns (Rösti), Kuchen, Dutch Babies (komische, kuchenähnliche feine Dinger) und andere Köstlichkeiten. So voll, dass wir uns kaum mehr bewegen konnten, setzten wir uns in die Sättel und erklommen die vielen Hügelis, die uns von Forks, dem nächsten Dorf trennten. Auch hier wieder unzählige braune Abschnitte, z.T. schon wieder mit kleinen Bäumen oder eben erst ratzekahl abgeräumte Waltstücke. 

Alles weg!
 
Immerhin, an diesem Tag stellten wir fest, dass es die Sonne tatsächlich noch gab. Obwohl wir kurz nach unserer Abfahrt wieder Regenschütze montieren mussten, schien eigentlich immer mal wieder die Sonne und in Forks zogen wir das Zeug wieder aus. Gemäss Höhenprofil im Buch ging es immer noch bergauf, aber mit einer so flachen Steigung, dass wir es kaum wahrnahmen. Wir genossen die Wärme und zu guter Letzt die Abfahrt zum Lake Crescent, wo wir uns auf dem offenen, sonst aber verlassenen Fairholm Campground einquartierten (80.57 km in 5:05 Stunden). Dass wir uns da in einem National Park befanden, war offensichtlich. Auch hier waren die meisten Bäume mit Moos bedeckt und es lagen viele tote Bäume herum. Der Nachteil an diesen Waldplätzen war wie immer derselbe: Es ist kühl, selbst wenn die Sonne scheint. Aber man merkte, dass wir April und nicht mehr Februar hatten. Auch wenn wir hier weiter im Norden waren, war es bei weitem nicht so kalt wie in den kalifornischen Redwoods. Und wenn man dem Schildli glauben sollte, befanden wir uns in Bären- und Puma-Land. Man wird in sehr klaren Worten angewiesen, Essen, Toilettenartikel, Seife und andere „Smelly Items“ in den Metallboxen zu lagern, und zwar Tag und Nacht. Einzige Ausnahme: wenn die Sachen gerade in Gebrauch sind. 

Das wird kompliziert...
 
Die ganze Thematik ist uns ja bekanntlich nicht neu, auch wenn es bisher eher Waschbären waren, vor denen wir uns in Acht nehmen mussten. Trotzdem, so wirklich klar ist uns einiges noch immer nicht. Können Bären industriell verpackte Nahrungsmittel nun riechen oder nicht? Was sollen wir mit Kleidung machen, die allenfalls nach Essen riecht, sei es vom Kochen, vom sich die Hände abwischen oder was auch immer. Bären interessieren sich angeblich auch für Zahnpasta, Seife u.ä. Ok, das alles wegzuräumen ist zwar etwas mühsam aber nicht weiter schwierig. Gilt auch für Waschmittel. Tatsache ist aber, dass alles, was sich im Gepäck in der Nähe des Waschmittels (das in mehreren Plasticksäcklis eingewickelt ist) ebenfalls nach Waschmittel riecht. Und was qualifiziert alles als „Smelly Items“??? Allenfalls unsere Schlafsäcke? Und was ist mit uns selber...!!! Wenn wir uns nur kurz mit einem Lappen waschen, sind wir kaum blitzsauber, wenn wir aber mit Gebrauch von Seife duschen, riechen wir nach Seife! Ja, was sollen wir nun machen??? In diesem Bereicht gibt es ganz offensichtlich noch einiges zu klären. 

Die nächste Tagesetappe war recht kurz geplant, einerseits, weil wir wieder einmal einkaufen mussten, andererseits, weil es uns gelungen war, in Port Angeles eine WS-Unterkunft zu organisieren. Der Morgen war kühl aber nicht unangenehm kalt und da die Strecke dem Lake Crescent entlang dauernd leicht wellig war, wurde uns schön warm ohne uns in Hitzewallungen zu versetzen. Einziger Nachteil, es war Samstag und es waren viele Leute auf der schmalen, kurvenreichen Strasse unterwegs. Immerhin hatte es zur Abwechslung keine blochenden Logger Trucks (jene, die den ganzen Wald abtransportieren). Und da Strassen ohne Seitenstreifen für uns nichts Neues waren, war das alles eigentlich nicht weiter tragisch. 

Wir erreichten Port Angeles noch vor Mittag, machten unsere Tour durch einen grösseren Supermercado und gönnten uns Dank Samstags-Spezialpreis ein spezielles Mittagessen: Pizza. Danach zügelten wir in ein Café, da Martina noch ein Mail von unserem Host in der Stadt erwartete. Das auch angekommen war. So fanden wir bald die richtige Adresse und die uns zugeteilte Unterkuft in der „Garage“ (45.97 km, 3 Stunden). Konkret war das eher ein zweites Haus, das zwar mehrheitlich als grössere Abstellkammer gebraucht wurde, aber mit Toilette und fliessend Wasser ausgestatet war. Ian, der Besitzer, hatte angekündigt, erst am späteren Nachmittag nach Hause zu kommen. So räumten wir unsere Sachen in die Garage und hängten alles, was feucht war zum trocknen raus. Anschliessend machten wir wir einen Spaziergang durch das Städtli und bewunderten die Aussicht einerseits auf den Straight de Juan de Fuca und andererseits auf die verschneiten Berge des Mount Olympus. Als wir dann auf der Treppe vor der Tür sassen und Tagebuch schrieben, tauchte auch Ian auf. Er war, zusammen mit hunderten anderen Freiwiligen mit der Säuberung der Stränder der Halbinsel beschäftigt gewesen. Diese Aktion finde jedes Jahr statt und werde immer von Volunteers durchgeführt. Sehr interessant. Überhaupt war er ein spannender Typ und wir verbrachten einen gemütlichen Abend und ebenfalls eine bequeme Nacht ohne Kondenswasser am Morgen. 

Auf dem Weg von Port Angeles nach Port Townsend passierte kaum was. Es ging immer leicht hügelig durch den Wald, ab und zu sah man zu den Bergen rauf. Etwa um 15 Uhr kamen wir in Port Townsend an und suchten die Adresse unserer Warmshowers. Das dauerte eine Weile und beinhaltete den Hügel wieder zurück hinaufzupedalen, schliesslich waren wir aber erfolgreich (85.9 km in 5:40 Stunden). Mussten dann aber zwei Stunden warten weil niemand zu Hause war. Eine der vier WG-Bewohnern kam dann irgendwann mal kurz heim, konnte uns einweisen und verschwand wieder (evtl. weil sie uns ihr Zimmer überlassen hatte). Die drei Jungs, die angeblich auch noch dort wohnten, bekamen wir nie zu Gesicht, weder am Abend noch am Morgen. 

Verliebte Wolken über dem Puget Sound.
 
Wir standen früher als gewöhnlich auf um genügend Zeit einzurechnen um zur Fähre zu gelangen und die Tickets zu kaufen. Wie üblich waren wir natürlich zu früh und hängten noch eine halbe Stunde im (immerhin beheizten) Wartesaal herum. Auf der Fähre konnten wir die Velos an eine Wand stellen und mit ganz kurzen Seilen anbinden. Dann ging’s raus in den dichten Nebel und wir befürchteten schon, dass wir die Sonne den Rest des Tages nicht mehr sehen würden. Auf dem Whidbey Island war es jedoch wieder sonnig und nach nur rund 5 km hatten wir schon Coupeville erreicht, wo wir eine erste Pause einlegten. Danach wählten wir ein letztes Mal die Routenbeschreibung im „Cycling the Pacific Coast“-Buch, womit wir uns eine ganze Menge zusätzlicher Höhenmeter einhandelten. Da wir schon vor Mittag beim auserwählten State Part ankamen, entschlossen wir uns, weiterzufahren. Es ging einen weiteren Hügel hinauf und bald standen wir vor einer langen Brücke, die über den Deception Pass führte. Der Deception Pass ist eine schmale Meeresenge, die den Pazifik und den Puget Sound verbindet und von George Vancouver so benannt wurde, weil irgend etwas an der Meeresstrasse ihn enttäuscht hatte. 

Deception Pass.
 
Kurz darauf hätten wir eine Abzweigung nach Westen erwischen sollen, haben die aber nicht gefunden. Gemerkt hatten wir das aber erst, als wir vor dem Wegweiser ins Zentrum von Anacortes standen. Auf einer sehr stark befahreren Strasse ging es weiter und überraschend bald befanden wir uns wieder auf dem Festland, wo uns, kaum waren wir wieder nach Norden abgebogen, der übliche fiese Wind ins Gesicht blies. Aber auch der hielt uns nicht davon ab, nach nicht allzulanger Zeit beim Bay View SP unser Zelt aufzuschlagen und angriffige, riesige Mücken zu bekämpfen (71.14 km, 4:48 Stunden). Wir wussten nicht genau, wie weit es noch bis Bellingham war, nahmen aber an, dass es nicht mehr allzu weit sein konnte. Auf jeden Fall schliefen wir am Morgen eine halbe Stunde länger, und als wir den Regen auf dem Zeltdach hörten, machte unsere Motivation aufzusehen nicht gerade grosse Sprünge. Trotzdem hatten wir uns bald aus den Schlafsäcken geschält und netterweise hörte der Regen auf, als wir begannen, unsere Sachen aus dem Zelt rauszuräumen. Bis wir abfahrbereit waren, goss es aber schon wieder. Und es hörte bis am späteren Nachmittag nicht mehr auf. Die ersten rund 15 km waren plattes Agrarland, dann wurde es ganz schön hügelig und waldig. Vermutlich wäre die Strecke hübsch gewesen, hätte man überhaupt etwas gesehen. So aber schauten wir kaum je auf und frohren, einmal mehr, wie die Schlosshunde als wir eine Futterpause einlegten. Nach insgesamt nur 40.22 km für die wir gerade mal 2:57 Stunden gebraucht hatten, waren wir in Bellingham. Dort hatten wir uns bei Shana und Rowan angemeldet, zwei Ciclistas, die wir in La Paz am Südende der Baja getroffen hatten. Da die beiden aber erst gegen 18 Uhr heimkommen würden, setzten wir uns in Tony’s, ein gemütliches Café und hängten dort den ganzen Nachmittag rum. 

Bunte Hunde in Tony's in Bellingham.
 
Die WG, in der unsere beiden Gastgeber wohnten, stellte sich als eine interessante Gemeinschaft heraus. Es wohnen dort etwa 12 oder 13 Leute im Haus, in einem Bus und einer Cabin im Garten. Die meisten sind recht jung, Hippies oder andere gesellschaftskritische Leute und z.T. auch etwas chaotisch. Ziemlich viel los jeweils also. Von Bellingham aus war noch ein Tripli nach Vancouver geplant, ohne Velos, um ehemalige Gastfamilien und andere Freunde zu besuchen.

Dienstag, 10. April 2012

Seaside - Bonstetten: Ab in die Ferien

Yep, wir sind zu Hause. Allerdings nur für zwei Wochen, dann geht es zurück nach Oregon, dann Washington, Vancouver, Alaska und Kanada. Grund für diesen in aller Heimlichkeit geplanten Ausflug ist der 60. Geburtstag unserer Mütter und, in meinem Fall, auch Nick, den ich schon gerne kennenlernen wollte, bevor er krabbelt oder sogar schon fast läuft. Das war natürlich auch ein Grund für unser recht zügiges Vorwärtskommen an der Westküste, sonst wären wir vermutlich hier oder da einen Tag länger geblieben. Nach zwei Nächten in Seaside nahm Neil, unser WS-Host, uns mit nach Portland, von wo aus wir mit dem Greyhound nach Seattle reisten. Das war ja ein Unternehmen für sich. Wann immer wir in Lateinamerika Bus gefahren sind, war das einfach, mit dem Ticket hatte man gleichzeitig eine Sitzplatzreservation (das traf zumindest auf die Langstreckenbusse zu) und die Busse fuhren mit bewundernswerter Pünktlichkeit. So war das in den „Entwicklungsländern“. Hier in den hochentwickelten USA läuft das anders. Das Ticket kriegt man zwar auch problemlos, es garantiert aber noch lange keinen Platz. Wenn der Bus voll ist, ist er voll und wer nicht drin ist, muss auf den Nächsten warten, wann immer der fahren mag. Im Terminal ist nirgendwo angeschrieben, bei welchem Gate welcher Bus mit welcher Destination fährt, auch der Boarding Pass enthält diese Information nicht. Wenn man Glück hat, hat man den Typen beim Ticketschalter, wo man das Gepäck „einchecken“ musste, verstanden, die Wahrscheinlichkeit war da aber nicht sehr hoch. Auch der Begriff „Gepäck einchecken“ ist ein Witz, da man es trotzdem selber zum Bus schleppen muss. Der dann mit über einer halben Stunde Verspätung ankam und mit einer guten Stunde Verspätung losfuhr. 

Das feucht-kalte Wetter hatte immerhin für hübsche Aussicht gesorgt. Gleich neben Portland steht der Mount Hood. Winterlich weiss zierte er die grosse Stadt. Später sahen wir den berühmt-berüchtigten Mount St. Helens, dem offenlichtlich ein grosser Teils seines Gipfels fehlt, und, etwas näher bei Seattle, den Mount Rainier, Seattles nächsten, leicht aktiven und potentiel gefährlichen Vulkan. Abgesehen davon führte die Strecke mehrheitlich durch Wald, was durchaus unserem Bild von Oregon entsprach. In Seattle wurden wir von unseren WS-Hosts abgeholt, was es uns ersparte, uns in der Nacht mit dem ÖV einer fremden Stadt herumschlagen zu müssen. Das kam dann am ersten Morgen dran bei unserem dritten Gang zum REI, der hier in Seattle seinen Hauptsitz und damit seinen riesigen, absolut genialen Flagship Store hat. Dort haben wir Sachen zurückgeben können, die die Erwartungen nicht erfüllt haben, was eine recht coole Eigenschaft der grossen Outdoor-Kette ist, und neue Dinge beschaffen, von denen wir glauben, demnächst brauchen zu können. Bei der Gelegenheit gingen wir auch auf eine winzigkleine Sightseeing-Tour und guckten die Space Needle, Seattles Wahrzeichen an. Da hinaufzugehen, wäre schon recht cool gewesen, $ 19 zu bezahlen waren wir aber nicht bereit. 

Space Needle in Seattle.

Nach vier Tagen in Seattle fuhr uns Vince zum Flughafen wo die nächste Komplikation auf uns wartete. Wir hatten ein Swiss Ticket, der Flug nach San Francisco wurde jedoch von United durchgeführt. Die in ihrem System unsere Reservation nicht finden konnten. Wir müssten zum Swiss-Schalter, hiess es. So einen gab es jedoch nicht und die Lufthansa, unsere nächste Hoffnung, war im Streik. Also zurück zu United und etwa beim dritten Versuch tauchten unsere Namen plötzlich im Computer auf. Nächstes Problem: An unseren Namen hing zwar ein Ticket von San Francisco nach Zürich, aber keins von Seattle nach SF. Das Ticket sei nicht ausgestellt worden, wir müssten mit der Swiss Kontakt aufnehmen. Hm??? Nach längerer Sucherei und den vereinten Kräften zweier United-Angestellten bekamen wir schliesslich doch noch unsere Boarding Pässe, konnten unser Gepäck abgeben und unser Gate suchen. Von nun an lief alles wie am Schnürchen. Sicherheitskontrolle kein Problem, Gate gefunden und Flieger mit nur wenig Verespätung abgeflogen. In San Francisco war der Umsteig-Weg nicht weit und wir hatten kaum das nächste Gate erreicht als schon wieder Boarding ausgerufen wurde. 

Nun hatten wir zwar ein wenig mehr Platz, der zweite Flug war jedoch so ereignislos wie der erste nur eben viel länger und damit langweiliger. Eine Frage beschäftigte uns jedoch: Wir hatten nirgendwo offiziell aus den USA ausgecheckt. Abgesehen davon, dass wir auch gar keine Stempel oder irgendwelche Papierchen in unseren Pässen hatten, und wir nur annehmen/hoffen konnten, dass wir zwischen Tijuana und San Diego überhaupt korrekt eingecheckt wurden. Aber unsere Pässe waren damals gescannt worden, vor unserer Ausreise jedoch nicht. Das ist zumindest suspekt und wir können nur hoffen, dass wir bei der Wiedereinreise keinen Ärger bekommen. 

Schweizerkreuz über Grönland.

In Zürich angekommen, tauchte Martinas Tasche bald auf dem Förderband auf, mein Rucksack zeigte sich jedoch nicht. Wie sich herausstellte, befand der sich zu dem Zeitpunkt noch in San Francisco. Ok, auch gut, so musste ich ihn wenigstens nicht selber heimschleppen. Ausser meinem Vater wusste von meiner Anrunft niemand etwas und die Überraschung gelang wiederholt bei diversen Familienmitgliedern. Zwei Jahre und vier Monate sind eben schon eine lange Zeit und Kinder verändern sich bekanntlich schnell. Viel geplant hatte ich für die knappen zwei Wochen nicht. Dass bei uns im Dorf ein Geräteturn-Wettkampf anstand und dass Luki da teilnehmen würde, wusste ich und nahm natürlich die Gelegenheit wahr, dem jünsten Turner im Einsatz zuzuschauen.

Bereit für die Barrenübung.

Die folgenden Familienbesuche und Exkursiönlis zu Outdoor- und Veloläden, Checks beim Zahnarzt und Optiker beschäftigten mich genug und ohne Stress aufkommen zu lassen. Nun sind auch Dinge aufgestockt, die ich im Amiland nicht finden konnte (wasserdichte Schuh- und Handschuhüberzüge) oder gar nicht erst gesucht habe (neue Reifen von Schwalbe). Regenhosen und -jacke sind gewaschen und imprägniert und ich somit bereit für den Regen, den wir in Washington und weiter oben wohl erwarten müssen. Nun heisst es morgen schon wieder Abschied nehmen, Alaska wartet. Hoffentlich schmelzen die über drei Meter Schnee dort oben bald!

Tschüss mitenand, es hüt mi mega gfroit, oi alli wider emal z'gseh, bis im Dezämber!

Montag, 2. April 2012

North Bend - Seaside: Motel-Tour


Eines frühen Samstag Morgens guckten wir aus dem Fenster von Steves Haus und überlegten uns, ob wir wohl weiterfahren oder wieder den Schwanz einziehen sollten. Der Wetterbericht war bekanntlich obermies, der Freitag war aber um so vieles besser als erwartet gewesen, dass wir nun nicht recht wussten, was wir glauben/hoffen/erwarten sollten. Sonderlich interessant war North Bend aber nicht und nach drei Tagen rumhängen fiel uns schon fast die Decke auf den Kopf. Es gelang uns schliesslich, uns einen Tritt in den Hintern zu geben, in die Kälte hinauszugehen und die Velos zu bepacken. Das Wetter war gar nicht so schlecht, etwas Sonne, einige Wölklis, insgesamt also eigentlich ganz nett. So hatte es aber schon tags zuvor am Morgen ausgesehen, am Nachmittag war dann aber doch noch die Sintflut hereingebrochen. Die Chancen standen gut, dass dem wieder so sein würde. Aber ok, wir wollten es riskieren, ganz einfach um der langweiligen Rumhängerei zu entfliehen.

North Bend in freundlichem Wetter.

Der Tag begann mit einer kurzen, steilen Bajada, dann zurück auf den HWY 101 und immer schön nordwärts. Nicht schwierig. Auch das Gelände war nicht weiter anspruchsvoll, es ging immer mal leicht auf und ab, meist durch Wald, wie so üblich in Oregon. Es dauerte gerade mal knappe eineinhalb Stunden bis es das erste Mal regnete. Martina war etwas pessimistisch und meinte, das sei es nun wohl gewesen mit dem Sonnenschein. Der stete Wechsel zwischen Sonne, Regen und zwischendurch mal kurz Hagel dominierte aber den Tag und insgesamt kam die Sonne nicht zu kurz. Eher unerfreut waren wir aber, als wir am Nachmittag an unserem Ziel-State Park, dem J. Honeyman SP, ankamen und feststellen mussten, dass der Park geschlossen war. Es hatte innert recht kurzer Zeit extrem viel geregnet und den Boden total aufgeweicht. Der darauffolgende Sturm hatte Bäume umgeschmissen, die ihrerseits wiederum Strohmleitungen gekappt hatten. Anscheinend standen auch noch einige wackelige Bäume, die problemlos allfällige Zelte hätten plätten können, und ausserdem waren die Ranger damit beschäftigt, gestürzte Bäume wegzuräumen. Wie mussten also weiter. Das war natürlich blöd, da wildes campen auch nicht wirklich in Frage kam, wo schon? Das Land hier besteht aus dichtem Wald, ebenso dichtem Gebüsch und sumpfigen Wiesen. So fuhren wir weiter nach Florence und hofften, im dortigen Visitor Center einen guten Rat zu bekommen. Das war aber geschlossen, Samstag Nachmittag eben. Blieb ein Motel, und das obwohl das Wetter eigentlich durchaus zum zelten getaugt hätte (76,21 km in 4:21 Stunden).

Immerhin regnete es in der Nacht und am Morgen nochmals ziemlich, so dass sich das Motel wenigstens halbwegs gelohnt hatte. Ein weiteres Problem hätten wir beim Campen nämlich gehabt: der Reissverschluss von Martinas Zelt ist daran, den Geist aufzugeben, und wenn es regnet, dann bitteschön mit einer Zelttür, die man richtig verschliessen kann. Die Tür unseres Zimmers kannte solche Probleme natürlich nicht und so waren wir schön warm und trocken geblieben. Draussen war es aber ganz schön kalt und ungemütlich, das einzige Positive an diesem frühen Sonntag Morgen war, dass es kaum Verkehr hatte. Landschaftsässig war der Tag sehr ähnlich wie der Vorhergehende, wettermässig aber noch viel actionreicher. Konkret heisst das, dass ab und zu mal die Sonne kurz schien, dazwischen aber massive Hagelfronten durchzogen, die z.T. so stark waren, dass wir in offene Garagen von Häusern flohen und das Ende abwarten mussten. Hagel im Gesicht beim Velo fahrnen tut nämlich weh.

Total verhagelt.

An diesem Vormittag fanden wir keine Kaffeemaschine und mussten uns mit der läppischen Veranda eines unbenutzten Hotels zufriedengeben. Als wir so gemütlich frierend dasassen und unsere Sachen assen, flitzte plötzlich ein Ciclista mit Anhänger vorbei. D.h. als er uns sah, stoppte er kurz, schwatzte ein paar Worte mit uns und sauste dann weiter. Ok, wir sind also nicht die einzigen Idioten, die um diese Jahreszeit hier an der Küste in Oregon rumkurven. Wir pedalten kurz darauf auch weiter, allerdings in viel bedächtigeren Tempo. Für die Mittagspause leisteten wir uns den Luxus, in ein Subway-Restaurant reinzugehen. Hagelschauer sind durch ein Fenster gesehen viel schöner als live und direkt im Gesicht. Der nette Manager war der Meinung, wer bei diesem Wetter draussen sein müsse, brauche etwas warmes und schenkte uns je eine Suppe zum Sandwich. Die war fein, muchas gracias. Bei der Gelegenheit stellten wir fest, dass Subway-Sandwiches ja vielleicht auch Fastfood sind, dabei aber wirklich gut und angeblich auch recht gesund sind (wir hatten bei Steve zu Hause „Supersize me“ geschaut).

Der Nachmittag zeigte sich überraschend freundlich und sonnig, zog sich aber länger hin, als wir erwartet hatten. Der Rückenwind vom Vortag schien auch gestorben zu sein und so pedalten wir und pedalten wir und schienen unserem Ziel nicht näherzukommen. Gemäss unserem Buch hätte es von Newport bis zum Belvely Beach SP nicht mehr weit sein sollen, die Wirklicheit sah aber wieder einmal anders aus. Es war halb fünf Uhr als wir dort endlich ankamen (91.81 km, 5:57 Stunden) und zu unserem Schrecken war auch dieser Campground geschlossen. Was nun? Da wir eigentlich gar keine Wahl hatten, fuhren wir trotzdem rein um uns die Sache anzuschauen. Der Host bei letzten Park hatte uns weggeschickt, aber hier konnten wir realistischerweise nirgendwo mehr hingehen. Der freundliche Herr, mit dem wir redeten, fand aber, er könne uns nicht wegscheuchen und öffnete uns sogar die verschlossene Tür zu den Damenklos. Dort drin gab es einen recht grossen Vorraum, wo wir es uns bequem machten. Ausser uns befanden sich eh keine Frauen vor Ort. Das Gebäude war auch leicht geheizt und somit durchaus gemütlich.

Klo-Camp.

Einem recht sonnigen Abend folgte ein nicht unfreundlicher Morgen, der Rest des Tages war grau in grau, mal Regen, mal nicht. Es war kalt aber solange wir pedalten, frohren wir nicht. Wir hatten einen höheren Pass zu überqueren, so um die 750 Fuss hoch, also nicht mal 230 m. Trotzt dem geringen Höhenunterschied muss es einen deutlichen Temperaturunterschied gegeben haben, je höher hinauf wir nämlich kamen, umso mehr Schnee lag links und rechts neben der Strasse und auch weiter im Wald drinnen. Dieser Schnee, der bei jenem Sturm fast eine Woche vorher gefallen war und natürlich längst nicht mehr schön weiss war, hatte dort oben überraschend lange überlebt. Wie wir von verschiedenen Leuten gehört hatten, waren da fünf bis sechs Inches, also etwa 12 bis 15 cm Schnee gefallen, was hier höchst ungewöhnlich sei. Aber anscheinend ist ja der ganze Winter ungewöhnlich, erst zu warm und zu trocken, und nun, da es langsam wärmer und trockener werden sollte, schneit, regnet und hagelt es. Dazu stürmt es ab und zu, manchmal vom Süden, manchmal aber auch vom Norden, Westen oder Osten her.

Tiefer Winter.

Während der Mittagspause hinter einem unbenutzten Hotel sassen wir wieder im kalten Wind und frohren wie die Schlosshunde. Danach war es flach und wir hatten bald, so gegen 15 Uhr, das Dorf Pacific City erreicht, wo wir ein äusserst freundliches Motel fanden, wo wir sogar $ 5 Disount bekamen (65.92 km in 4:22 Stunden). Die Campgrounds waren immer noch alle geschlossen, und die Warmshowers in der Gegend hatten total versagt. Entweder waren die Leute nicht zu Hause oder, obwohl extrem unwahrscheinlich um diese Jahreszeit, andere Ciclistas hatten uns den Platz weggeschnappt (musste der New Yorker mit Anhänger gewesen sein). Am Nachmittag regnete es dann selbstverständlich nocheinmal ausgiebig.

Der nächste Morgen begann trocken und nicht mal soo kalt. Und natürlich ist es immer einfacher, aus einem warmen Hotelzimmer zu starten als aus einem nass-kalten Zelt zu kriechen. Nach 15 km recht flacher Landschaft stellte sich uns nochmals ein rund 245 m hoher Hügel in den Weg, der aber mehr so verschneit war wie die letzte Erhöhung. Die kurvig-rutschige Abfahrt war nicht so fetzig, dafür mit ein paar Vista Points mit cooler Aussicht die fast senkrechten Felsen hinunter zum Meer.

Hauptsache Aussicht.

Zu unserer Freude trafen wir später noch ein Tourero-Päärchen, die an uns so interessiert waren, wie wir an ihnen und so hatten wir endlich wieder einmal Gelegenheit, mit anderen Radlern zu quatschen. Bald darauf waren wir in Tillamook, wo wir uns auf eine Bank vor der städtischen Bibliothek setzten und unsere Tortillas mit Bohnenpaste assen. Als wir weiterfahren wollten, bemerkte Martina einen Platten, so verzögerte sich unsere Weiterfahrt noch etwas. Der Nachmittag war wieder nass und immer mal wieder mit Nordwind verziert. In Garibaldi suchten und fanden wir das „günstigste“ Motel, das mit $ 54 für uns zwar eher teuer war, dafür kriegten wir aber ein grosses, sehr schönes Zimmer, heisse Schokolade und feine, selbstgemachte Cookies (61.53 km, 4:16 Stunden).

Noch ein ereignisloser Tag in hügeliger, bewaldeter Landschaft. Der Höhepunkt waren die verschneiten Hügelis hinter Nehalem, die aussahen wie wie richtige Bergen. Es war bewölkt, regnete aber keinen Tropfen und es sah meistens aus, als müsste die Sonne gleich durch die Wolken brechen. In Seaside (61.53 km, 4:16 Stunden) hatten wir wieder einen WS-Host gefunden, der sich als cooler und interessanter Typ erwies. Hier bleiben wir nun einige Tage, warten auf den Frühling und pedalen dann weiter in Richtung Norden.

Bahnhof und Schnee"berge".

Mit nun etwas mehr US-Erfahrung hier ein Minirückblick und Vergleich Mexiko-USA. Wie ich ja schon mal angetönt habe, waren die Mexikaner gar nicht so schlechte/rücksichtslose Autofahrer, wie man sich das hätte vorstellen können oder schon gehört hätte. Entsprechend sind die Amis auch nicht so viel besser. Grundsätzlich zwar meist sehr höflich, gibt es auch hier die Idioten, die Velofahrer fast über den Haufen blochen. Interessanterweise sind das oft Pick-up-Fahrer mit ihren total überdimensionierten Gefährten, oder, wie gewohnt, ungeduldige Lastwagenfahrer. Busse sind hier kaum ein Problem, ganz einfach, weil es kaum welche hat. Zum Komfort auf den Strassen trägt aber natürlich nicht nur das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer bei, sondern auch die Qualität der Strasse, sprich Belag und Seitenstreifen. Auch hier gilt: Die Amis sind nicht besser als die Mexikaner. Die wichtigen Hauptstrassen sind immer in gutem Zustand und haben oft Seitenstreifen, innerhalb kleineren Ortschaften und auf nicht soo wichtigen Verkehswegen hat es Schlaglöcher, erodierter und zerbrösmelter Asphalt, Wellen und Dellen im Belag und keinen Platz um auszuweichen. Die Leute hier sind, genauso wie die Latinos, platt wenn wir ihnen sagen, wo wir unsere Reise gestartet haben und wissen teilweise nicht viel genauer als andere, wo man Patagonien oder auch Argentinien suchen müsste. Das Witzigste finde ich immer noch die Unmöglichkeit, die Schweiz und Schweden auseinanderzuhalten. Dass dem so sei, hört man ja oft, in welchem Ausmass das aber auch tatsächlich stimmt, ist eigentlich unglaublich. Dass „Suiza“ und „Suecia“ zum verwechseln ähnlich tönen, ist ja nachvollziehbar, aber „Switzerland“ und „Sweden“? Jemand, der das nicht verwechselt, outet sich damit gleich als entweder in Europa gewesen zu sein oder zumindest so einige Europäer zu kennen, wie das v.a. bei Warmshower-Leuten oft der Fall ist. Vielleicht müssten wir mal die Reaktion auf „Swaziland“ testen.

Ok, und da wir ja nun inzwischen da sind und die Überraschung gelungen ist, kann man auch klären, dass unsere Velos in Seaside bei Neil geblieben sind, während Martina und ich uns per Greyhound nach Seattle verschoben haben um von dort aus in die Schweiz in die "Ferien" zu fliegen.