Montag, 27. Dezember 2010

Familienanschluss zu Weihnachten

Hier erst einmal potenziell wichtig Information für andere Ciclistas: In Cuenca haben wir zwei Bicicleterías gefunden, die einen sehr guten Eindruck hinterlassen haben. Da ist erst einmal die Tienda Tecno Ciclo (an der Kreuzung A. Cueva und Av. Remigio Tamariz) wo uns angeboten wurde, unsere Velos gratis zu "behandeln", allerdings erst nach Weihnachten, da sie vorher zu beschäftigt waren.

Wir sind schlussendlich im einen Block entfernten Cikla  (Av. Remigio Tamariz 2-52) gelandet, wo wir uns erst etwas umschauten, dann gratis unsere Velos waschen durften, mit einer professionellen Velo-Dusche, war äusserst spassig. Dort hatte man auch Zeit, ein wenig an unseren geliebten Bicis rumzuwerkeln, nicht gratis, aber günstig. Im gleichen Haus befindet sich auch ein Outdoor Shop mit hochwertigen Produkten.

Weiter können wir auch unser Hostal "Hogar Cuencano" sehr empfehlen. Es befindet sich an der Calle Hermano Miguel 4-33, (Ecke mit der Calle Larga). Wir bezahlen hier USD 7 pro Nacht und Person, was für Cuenca eher günstig ist, die Betten sind bequem und die Dusche so richtig warm.

Wo soll ich nun beginnen, Cuenca zu beschreiben? Was bestimmt als erstes auffällt in dieser Stadt, ist die Catedral de la Inmaculada Conceptión. Diese riesige, wunderschöne Kathedrale steht mitten in der Stadt und dient als Orientierungspunkt, wenn man einmal nicht mehr genau wissen sollte, wo man sich gerade befindet.

Catedral de la Inmaculada Conceptión von der Plaza aus...

im Innern...

und von hinten.

Wie es sich für eine Stadt dieser Grösse gehört, gibt es hier natürlich noch unzählige weitere Kirchen, von denen wir bis jetzt nur ein paar gesehen haben. Dazu stehen hier eine ganze Menge auffallend schöne, koloniale Gebäude und es gibt mehrere Plazas mit diversen Mercados.

Als wir ins Zentrum gefahren sind, ist uns z.B. schon das grosse und moderne Gebäude des Mercados 10 de Agosto aufgefallen. Entgegen unseren Prinzipien brauchten wir dann aber ganze zwei Tage, bis wir es schafften, diese Markthalle von Innen anzuschauen. Dieser Markt hier ist nicht nur gross, sondern auch hell, sauber und gut organisiert. Leider gibt es die in Peru üblichen zahlreichen Saftstände, Jugerías, hier in dieser Art nicht. Es hat zwar eine ganze Reihe Stände, wo es Säfte gibt, die Auswahl ist aber eher bescheiden und Karottensaft ist nun mal wirklich nicht mein Ding.

Mercado 10 de Agosto.

Einer der Orte in Cuenca, der mir auch sehr gut gefällt, ist der Parque de la Madre. Sehr sympathisch ist dort nicht nur die hübsche Statue einer jungen, energischen Mutter mit zwei Kindern, sondern auch, dass die Grünanlage intensiv sportlich genutzt wird. Hier fühlt man sich als Läuferin in guter Gesellschaft. Inzwischen habe ich einen weiteren, noch viel grösseren Park gefunden, wo man noch mehr Zeit "verjoggen" kann. Diese Stadt wird mir mit fast jedem Tag sympatischer.

Statue im Parque de la Madre.

Was uns hier natürlich auch sehr gefällt, sind die vielen Cafés und Panaderías/Pastelerías. Obwohl  nicht wirklich günstig, ist inzwischen das Café "Al Toque" beim Parque Calderón (Plaza Central) zu unserem Lieblingsladen mutiert. Uns ist bewusst, dass wir diese Gewohnheiten wieder loswerden müssen, sonst werden wir es nie bis Alaska schaffen. Einerseits weil wir kein Geld mehr haben, andererseits weil wir so verfetten, dass wir keinen Hügel mehr raufkommen. Aber jetzt ist Weihnachtszeit, da leisten wir uns auch "einmal" etwas.

Nun zu Weihnachten. Wir hatten ja in Susudel bei jener Familie übernachtet, als wir keine Lust hatten, in den Regen hochzustrampeln. Das war natürlich schon sehr nett gewesen. Hier in Cuenca haben wir uns bei ihnen gemeldet und sind eingeladen worden, Weihnachten mit der Familie zu verbringen. D.h. erst konnten wir am 24. Morgen vom Balkon des Hauses einem farbenprächtigen Umzug, dem "Pase del Niño Viajero" zuschauen, abends waren wir zum Essen eingeladen. Ab soviel Herzlichkeit wusste ich erst mal kaum was sagen, aber natürlich nahmen wir die Einladung an.

Als wir der genannten Adresse ankamen, waren wir erst einmal beeindruckt von der Grösse des Gebäudes. Von aussen unscheinbar, innen jedoch grosszügig und schön, wirkte das etwa 120 Jahre alte Haus auf uns fast wie ein Museum. Normalerweise lebt die Mutter von Pati und Alexandra alleine hier, jetzt über Weihnachten war das Haus bevölkert. Da war Pati und ihr Mann Sjef, ein Holländer, die beiden leben aber mit ihren Kindern in Mexiko. Alexandra und "ihr Holländer" Roy wohnen in Oxford. Dann rannten noch ein paar Primas durchs Haus und an jenem Morgen waren noch weitere Freunde und Verwandte zu Besuch.

Vom Balkon aus war die Sicht auf den Umzug perfekt. Was es mit diesem "Pase del Niño Viajero", dem Umzug des reisenden Kindes genau auf sich hatte, haben wir nicht verstanden. Jedenfalls nahmen da alle möglichen Gruppen und Familien teil. Z.T. trugen sie traditionelle Trachten und tanzten, andere fuhren mit geschmückten Autos vorbei, viele hatten Lastwagen mit grösseren Aufbauten, die meistens irgendetwas mit Weihnachten und der Krippe zu tun hatten. Viele Kinder ritten auf Pferden oder auch Eseln, die Mädchen oft in langen, farbigen Kleidern.

Bunte Indígena-Festtrachten.

Ein Grossteil der Lastwagen, Autos und Pferde waren interessanterweise mit Esswaren geschmückt. Sehr beliebt waren Früchte (echte oder Plastik?), Chipssäcklein, platte, gegrillte Schweine und was einem sonst noch einfallen könnte. Die Schweine beispielsweise seien typisch für die Region (ja, haben wir unterwegs festgestellt), Früchte gehören sicher auch hierher, aber was die Chips für einen Zusammenhang mit Weihnachten oder Ecuador haben, war uns absolut schleierhaft.

Wirkt etwas überfüllt, das Pferd.

Der Umzug, der morgens um 10 Uhr begann, schien nie aufzuhören. Um die Mittagsszeit wurden wir reingerufen, es gab Sandwiches und Saft, danach stellten wir uns wieder mit gezückter Kamera auf den Balkon. Die bunte Kinderschar & Co. war einfach unglaublich. Alles, was dort unten durchparadierte schien geschmückt zu sein, von Menschen über Pferde, Schafe, Hunde, Kinderwagen, Autos und Laster. Und das nicht nur ein wenig, sondern so, dass die Autofahrer kaum mehr durch die Scheibe sahen oder kleine Kinder fast in ihren Gewändern verschwanden.

Vielleicht noch etwas zu klein für einen so grossen Umzug?

Puppen oder Kinder? Nein, die Kleinen sind echt.

Auch waren viele Teilnehmer noch so klein, dass sie beispielsweise auf dem Pferd festgehalten werden mussten oder trotzt der eleganten Tracht der Schoppen nicht fehlen durfte. Andere, auf Lastflächen oder Autodächern sitzende Teilnehmer/innen wirkten schon ziemlich gelangweilt, bzw. gewisse Youngsters ganz einfach todmüde.

Sind sie nicht mega herzig?

Nach einigen Erledigungen am Nachmittag kamen wir an Abend zurück. Als Pati und Alexandra uns sagten, wir sollten etwa um 20.30 Uhr kommen, fragten wir nach, was das nun genau heisse. Uns war schliesslich bewusst, dass Uhrzeiten auch in Ecuador sehr unterschiedlich aufgefasst werden. Aber sie hatten wirklich halb neun gemeint, andere Familienmitglieder waren auf 19 Uhr "bestellt" worden, damit so gegen 21 Uhr allmählich alle beisammen waren. Aber unsere neuen Freundinnen waren ja mit Holländern verheiratet und kannten unsere europäische Zeitauffassung.

Wie schon am Nachmittag innerhalb des Hauses waren auch am Abend Alex' Kinder so ziemlich die Stars. Amelie, die in ein paar Monaten drei Jahre alt wird, und der fünf Monate alte, blonde und blauäugige Lucas zogen alle Erwachsenen in ihren Bann. Wobei Amelie all die Aufmerksamkeit machmal etwas zuviel schien. Martina und ich waren währenddessen damit beschäftigt, genau zuzuhören, wenn holländisch gesprochen wurde. Interessante Sprache, wir kamen zum Schluss, dass man das nach einigen Tagen zuhören bestimmt verstehen würde.

Alexandra mit Amelie und Lucas.

Für die Zubereitung des Abendessens war extra eine Señora angestellt worden. Der Pavo, Truthan, der nach amerikanischem Vorbild auch hier ein beliebtes Weihnachtsessen ist, war für Martina und mich etwas Neues. Nach unzähligen z.T. äusserst zähen "Kampfhennen", die wir bisher in kleinen Restaurants serviert bekommen hatten, passte das Essen hier durchaus zu dem majestätischen Haus, in das wir eingeladen waren. Es war superfein, ganz herzlichen Dank an unsere "Gastfamilie", ihr seid unglaublich!

Nach dem Essen sorgten die grösseren Kinder für Unterhaltung. Sie hatten ein kleines Theaterstück einstudiert, das von einem Mädchen handelte, das den Weg von Cuenca nach Bethlehem sucht und dabei eine halbe Weltreise macht. Wenn sich zwischen den Szenen die Schauspielerinnen reorganisieren mussten, wurden Witze vorgelesen, von denen wir Europäer jedoch die meisten nicht verstanden. Damit wir nicht mitten in der Nacht 20 Minuten durch die Strassen zum Hostal zurückmarschieren mussten, durften wir uns auch noch mit in ein Auto quetschen. Cuenca ist zwar keine gefährliche Stadt, unsere Gastgeber meinten aber, man solle um diese Zeit besser nicht zu Fuss gehen.

Carmen bei ihrer Weihnachtsvorführung.

Den 25. Dezember verbrachten wir mit Ausschlafen, Telefonieren, Glacé essen, joggen (ich), lesen und sonstigem Nichtstun. Für den 26. war dann wieder Action geplant, wir wollten in den Parque Nacional Cajas wandern gehen. Dieser Nationalpark soll sehr schön sein, wie wir gehört und von den Websites von anderen (Ex-)Ciclistas gelesen haben. Dass dem so ist, glauben wir auch gerne, leider haben wir nicht viel von der gerühmten Schönheit gesehen. Klar, es war schon in Cuenca bewölkt gewesen, aber wenn man schon früh aufgestanden ist, will man ja nicht gleich klein beigeben, also haben wir denn Bus zur Feria Libre genommen (als er endlich gekommen ist), sind dort in einen Bus nach Guayacil gestiegen und sind in Richtung dichte Wolken losgefahren. Je höher wir kamen, desto pessimistischer wurden wir, als wir beim Parkeingang ausstiegen befanden wir uns komplett im Nebel. Der nette Guardaparque, den wir kaum verstanden, meinte, es sei unwahrscheinlich, dass der Nebel sich lichten würde, aber dass sich das Wetter in dieser Jahreszeit schnell ändere. Das war uns natürlich aus eigener Erfahrung bekannt.

Triste Aussicht.

Da wir aber nicht die geringste Lust hatten, auf über 4'000 müM in Nebel, Regen und Kälte rumzuspazieren, nahmen wir den nächsten Bus zurück nach Cuenca, wo wir uns erst einmal unter unsere Schlafsäcke verzogen. An den Wolken änderte sich jedenfalls bis zum Abend rein gar nichts.

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Loja - Cuenca: Gastfreundschaft auf ecuadorianisch

Der Tag Aufenthalt in Loja war recht interessant gewesen. Im topmodernen Einkaufszentrum der Stadt haben wir den Mund kaum mehr zugekriegt ab all den feinen Sachen, die es dort zu kaufen gab. Das war noch um Klassen luxuriöser als die ebenso moderne Mall in Huancayo. Es stimmt eindeutig, der Standard in Ecuador ist höher als in Peru. Merklich. Aber auch die Preise.  So staunten wir die eine oder andere Tafel Schokolade an, registrierten entsetzt den Preis und legten das Ding ins Regal zurück. Beim Brot war die Begeisterung aber ebenso gross und dort gab es zum Glück keinen Grund, auf die feinen Vollkornbrötli zu verzichten.

Im Zentrum von Loja stellten wir bald fest, dass sich die Strassennamen nur zum Teil geändert hatten. Wie auch in Peru in fast jeder Stadt gab es auch in Loja eine Avenida Simón Bolívar. Der Libertador scheint hier sehr hoch im Kurs zu stehen, ihm ist sogar eine grosse schöne Plaza mit Statue gewidmet. Dass seit Bolivien so viele Strassen und Plazas nach Bolívar benannt sind, ist indes nicht weiter verwunderlich. Immerhin hat er die Länder Boliven, Peru, Ecuador, Kolumbien, Venezuela und Panamá von spanischer Herrschaft befreit.

Plaza Bolívar in Loja.

Eines frühen Morgens sind wir also aus Loja rausgefahren, in der Annahme, 3-4 Tage bis Cuenca zu gebrauchen. Wir hatten die Information erhalten, dass die Panamericana nach Cuenca vollständig asphaltiert sei und waren darum etwas verunsichert, als sich die Strasse, der wir folgten, je länger je mehr in eine Schotterpiste verwandelte. Da uns jedoch widerholt versichert wurde, dass wir hier richtig seien, fuhren wir weiter. Die Strasse verlief grösstenteils in einem Flusstal, ausser einem grösseren Hügel war sie auch mehrheitlich flach. Nach ca. 40 km erreichten wir plötzlich eine gut ausgebaute, breite Betonplatten-Strasse, offensichtlich die Hauptverbindungsstrasse, die wir in Loja irgendwie verpasst hatten. Zum Glück, so hatten wir uns hunderte von Höhenmetern gespart.

An alle Ciclistas, die von Loja nach Cuenca wollen: In der Stadt den Wegweisern nach Cuenca folgen und dann immer geradeaus, nie links abbiegen. Wenn ihr so auf einer Schotterstrasse (der alten Strasse, la ruta anciana) in einem relativ engen Tal landet, seid ihr richtig.
An jene Ciclistas, die von Cuenca aus nach Loja fahren: Nach der Ortschaft San Lucas, ganz unten im Tal befindet sich die Brücke San Lucas, unmittelbar davor zweigt eine Schotterstrasse nach links ab. Wenn ihr die nehmt, spart ihr euch viele Kilometer und Hügel.

Auch Velos feiern Weihnachten.
Wir sind kaum auf die Hauptstrasse eingebogen als auch schon eine Steigung durchs Dorf hinauf begann. Eine Bushaltestelle mit Bank und Dach bot sich als Zmittag-Platz an, wo wir bald von einigen Dorfkindern belagert und uns Löcher in den Bauch gefragt wurden. Hier waren wir wieder eindeutig im Indígena-Land, wobei die Trachten der Leute ganz anders waren als in Peru. Die Männer trugen (fast) alle schwarze, dreiviertel-lange Hosen, weisse Hemden und hatten einen mehr oder weniger langen Rossschwanz. Die Frauen trugen lange, schwarze Röcke, blaugrüne Gürtel und meistens ebenfalls weisse Blusen. Das ganze galt auch für die Kinder uns sah sehr elegant aus und irgendwie würdiger als die kunterbunten Kleider von Peru und Bolivien.

Da wir teilweise immer noch Mühe hattem, das ecuadorianische Castellano zu verstehen, verstanden wir nicht alles, was uns das Jungvolk des Dorfes fragte und sagte, aber als ein Junge meinte, Martina hätte fast keine Luft mehr im Hinterreifen, nahmen wir das schlicht nicht ernst. Einen Platten hätten wir ja schliesslich bemerkt. Dachten wir. Kurz nachdem wir wieder losgeradelt waren, stellte Martina fest, dass ihr Hinterreifen tatsächlich eher platt war. Shit, das war jener Reifen, der ihr schon in Peru vor San Ignacio jede Menge Ärger gemacht hatte. Ok, bis Saraguro, dem Ziel des Tages, waren es noch etwa 20 km, also pumpen und hoffen, dass die Sache hält. Inzwischen war die Kinderschar beträchtlich angewachsen und alle umringten meine pumpende Freundin. Da ich das witzig fand, holte ich meine Kamera hervor, um die Situation festzuhalten. Bei Kindern war das noch nie ein Problem gewesen. Hier war jedoch die Reaktion unerwartet. Etwa drei Viertel der kleinen Zuschauer rannten weg und kamen erst zurück, als ich das gefährliche Maschineli wieder eingepackt hatte. Hoppla, ich wusste ja von bolivianischen und peruanischen Indígena, dass sie glauben, fotografieren raube ihnen die Seele, aber hier schien das fast noch extremer ausgeprägt zu sein.

Velopumpen mit (fliehenden) Zuschauer.

Als der Schlauch wieder hart war, ging's weiter den Berg hoch. Bald hatten wir eine gute Aussicht über das weite Tal und sahen auch die dunklen Wolken, die eindeutig mit Regen drohten. Mehr als ein paar vereinzelte Tropfen fielen jedoch nicht. Unser nächstes Problem war ein ganz anderes. Martinas Schlauch war wieder platt, und zwar ganz und gar, da war nichts mehr zu machen. Flicken oder ersetzen würde auch nichts bringen, der Mantel war im Innern kaputt und würde jeden anderen Schlauch ebenfalls durchlöchern. Aber wir hatten inzwischen ja Übung im Hitchen und nach nur wenigen Minuten konnten wir einen Lastwagen anhalten, der uns nach Saraguro mitnahm. Weiter oben auf dem Hügel regnete es dann ernsthaft, auf der anderen Seite unten im Tal war es dann wieder sonnig. Ah Mensch, jetzt waren wir so weit hinaufgefahren, verpassten aber die Abfahrt, die da folgte.

In Saraguro luden wir die Velos ab und kriegten von dem netten Lastwagenfahrer noch vier Mangos geschenkt. Die Leute hier sind wirklich grosszügig. Martina machte sich auf die Suche nach der vom Fahrer erwähnten Bicicletería während ich zurückblieb und das Gepäck und mein Velo hütete. Nach einer guten Stunde kam sie zurück, etwas genervt aber mit einem neuen Mantel am Hinterrad. Perfekt, also Taschen montieren und Hostal suchen. Sehr weit kam sie mit beladenem Velo aber nicht, ein Teil des Reifens war wieder aus der Felge gerutscht! Hä, wie bitte, dazu hat der überhaupt kein Recht!! Zufälligerweise fuhr gerade der Mech, der den Reifen montiert hatte, per Töff vorbei und wir winkten ihn heran und schilderten das Problem. Er teilte Martinas Vermutung, dass der Reifen wegen dem Gewicht aus der Felge herausgekommen war, montierte ihn aber kurzerhand wieder rein. Von Hand, einfach so. Mit unseren Reifen würde sowas nicht gehen, dazu sind die viel zu steif. Kein Wunder, ist der auch so schnell rausgerutscht. Dass wir so nie nach Cuenca kommen würden, war klar. Wir quartierten uns in einem Hostal ein und erkundigten uns nach Bussen, um am folgenden Morgen zurück nach Loja zu fahren und einen neuen, besseren Mantel zu kaufen.

Was wir dann auch machten. Der Bus nahm natürlich die betonierte Strasse und wir wussten es bald extrem zu schätzen, dass wir tags zuvor jene alte Strasse erwischt hatten und nicht die neue Hauptstrasse, die über unendliche Hügel führte. In Loja fanden wir bald die vom Mech empfohlene Bicicletería und dort einen neuen Mantel. Da wir gerade hier waren, gingen wir nochmals in den grossen Supermercado und deckten uns nochmals mit einigen Dingen ein, die wir in kleinen Dörfern nicht bekommen würden, wie z.B. Vollkornbrot. Am frühen Nachmittag nahmen wir einen Bus zurück nach Saraguro. Wir hatten uns gerade gesetzt und dem Typen, der dort Süssigkeiten verkaufte, gesagt, dass wir nichts kaufen wollten, als Martina plötzlich fluchte und ihre Jacke mit beiden Händen packte. Der nette Verkäufer hatte schon den Reisverschluss der Tasche geöffnet gehabt und Martina konnte gerade noch verhindern, dass er etwas daraus klauen konnte. Wieder eineml Schwein gehabt.

Am nächsten Morgen ging die Reise weiter, mit dem neuen Reifen montiert und mit bedeutend besserem Wetter als am Vortrag, der vernebelt und verregnet gewesen war. So hügelig wie die Landschaft war jetzt auch die Strasse. Erst etwas bergab, dann recht lange bergauf und schliesslich folgte eine absolut geile Bajada von der 3'000er Höhenlinie auf die 1'000er (gemäss Karte). Dort unten war es bedeutend wärmer als auf dem Berg vorhin und ein riesen Heer Mücken hatte nur auf uns gewartet. Aber das peruanische Repelente funktionierte auch in Ecuador und so mutierten wir nicht zum Mittagessen für Zancudos.

Seltsam "gekleidete" Hühnlis in den ecuadoriansichen Bergen.

Aber dafür stand die nächste Subida vor uns, der Bajada von vorhin mindestens ebenbürtig. Wir krochen vorwärts bis wir unter einem Dach bei einem verlassenen Restaurant Zmittagpause machten. Wir beobachteten den Himmel über dem Berg vor uns etwas besorgt, sehr nett sah die Sache nicht aus. Da Martina etwas unter Kaffeemangel litt, stoppten wir kurz darauf bei einem Restaurant, wo wir andere Gäste, die gerade von oben heruntergekommen waren, nach Wetter und Strasse dort oben fragten. Dichter Nebel und Regen war die Antwort und etwa 40 km Steigung bis zum höchsten Punkt. Das war natürlich nicht sehr verlockend für den Nachmittag und obwohl erst kurz nach 14 Uhr war, wir fragten im Restaurant nach einer Übernachtungs- oder Campingmöglichkeit. Es gab neben dem Haus einen überdachten Betonplatz, wo bleiben könnten. Der Platz hatte an zwei Seiten Wände also nahmen dankend an und begannen, mit einem kaputten Besen unsere Unterkunft zu wischen.

Das sah eine der Damen der Gruppe, die wir zuvor nach den Verhältnissen auf dem Berg befragt hatten. Ob wir vorhätten, hier zu bleiben? Ja, keine Lust, in den Regen hinaufzustrampeln. Worauf sie antwortete, sie hätte hier ganz in der Nähe ein grosses Haus, wir könnten dort schlafen wenn wir möchten. Wer würde ein solches Angebot schon ausschlagen? Kurze Zeit später folgten wir den Autos und kamen schon bald bei dem alten aber schönen und grosszügigen Haus an. Natürlich mussten wir fast den ganzen Nachmittag lang von unserer Reise erzählen und wurden dabei von Pati und Alexandra, zwei Schwestern denen das Haus gehört, mit Süssigkeiten vollgestopft. Alexandra war es gewesen, die uns hierhin eingeladen hatte.

Abends war die Familie bei einer Tante eingeladen, was uns einen einigermassen frühen Feierabend ermöglichte. Wir durften die Küche benutzen - wie so oft gab es Spaghetti - und uns mit der Sandwich-Maschine getostete Sandwiches machen. Mit Brot, Käse etc. die von unseren neuen Freunden gesponsert wurden. Unglaublich nett, diese Leute. Wie immer standen wir am nächsten Morgen früh auf und gaben uns Mühe, den alten Onkel, durch dessen Zimmer wir hindurchschleichen mussten, nicht zu wecken. Da er aber ohnehin immer früh aufsteht, kamen wir nochmals zu einem Schwatz mit ihm, ein witziger alter Kerl.

Dann griffen wir die Steigung an, die wir am Vortag schon begonnen hatten. Das Dorf Susudel, wo wir übernachtet hatten, befand sich auf ca. 2'375 m, wir mussten rauf auf fast 3'500 m. Es würde also eine Weile dauern, bis wir da oben ankommen würden. Viel umwerfendes passierte an diesem Tag denn auch nicht, wir kämpfen uns langsam und bedächtig den Berg hoch. Vor allem Martina hatte zu kämpfen. Der Reifen, den sie in Loja neu gekauft hatte, hatte ein Cross Country-Profil, was auf der Betonstrasse für viel Rollwiderstand sorgte und das bergauf Fahren noch viel anstrengender machte als es ohnehin schon war. Nach etwa eineinhalb Stunden hatten wir den steilsten Teil geschafft, wir befanden uns jetzt auf einer Art Bergrücken, von wo aus es immer schön auf und ab weiterging, dabei aber immer noch hauptsächlich anstieg. Hier, kurz vor dem kleinen Dorf La Paz gab es eine Hospedaje. Wären wir tags zuvor weitergefahren, wären wir wohl hier gelandet, eher spät am Abend und garantiert völlig durchnässt. Da hatten wir mit im Tal bleiben schon die bessere Wahl getroffen, bei Sonnenschein und wenigen Wolken macht Velofahren mehr Spass.

Entlang der Strasse standen immer wieder Schilder mit interessanten Sprüchen wie z.B. "La Patria es tuya, el poder lo tienes tú!", was sich etwa mit "Das Vaterland gehört Dir, Du hast die Macht" übersetzten lässt. Irgendwie stand as aber im Zusammenhang mit der betonierten Strasse. Ich interpretiere jetzt mal frei und vermute, dass das Folgendes heisst: Der Präsident hat beim Wahlkampf versprochen, wichtige Strassen auszubauen, Du hast ihn gewählt, darum ist die Strasse jetzt betoniert.

Das Vaterland gehört Dir, Du hast die Macht.

Gegen Mittag wurden wir je länger je stärker von dunkelgrauen Wolken bedroht und wir hofften, bald den höchsten Punkt erreicht zu haben, danach sollte die langersehnte Abfahrt beginnen. Von Susudel aus sollte das nach etwa 40 km der Fall sein. Aber es ging immer noch auf und ab, auf jedem weiteren Hügeli hofften wir, dass es jetzt abwärts ging und sahen die nächste Steigung vor uns. Die 40 km kamen und gingen und wir pedalten immer noch aufwärts. Mann, es reicht langsam! Km 42, ich war gerade auf einem Gupf angekommen und sah weiter vorne die Strasse über den nächsten Hügel führen und fluchte, langsam war ich genervt. Da bog die Hauptstrasse aber unvermittelt und gänzlich unerwartet nach rechts und es ging steil abwärts. Was ich auf dem anderen Hügel gesehen hatte, war eine Kiesstrasse gewesen, was aus der Entfernung jedoch nicht erkennbar gewesen war.

Jetzt ging's abwärts und zwar lange und recht steil. Geil, das war wieder einmal eine Hammberbajada! Klar war die Strasse kurvig, aber die Kurven waren nicht eng, sondern weit und offen und man musst nie viel abbremsen. Wenn nur die Betonplatten die Strasse nicht so holprig gemacht hätten, so war mir mit 70 km/h (Rekord!) nicht mehr wohl und ich fragte mich auf einmal, was wohl passieren würde, wenn da ein Bremskabel reissen würde oder sonst etwas schief laufen würde. Habe dann ganz vorsichtig etwas verlangsamt, auch 60 km/h machen noch ganz schön Spass.

Schon viel zu bald waren wir unten im Tal und das Gefälle wurde flacher. Um etwa 14 Uhr kamen wir in der kleinen Ortschaft Cumbe an, wo wir übernachten wollten. Uns blieben zwar nur noch gute 20 km bis Cuenca, das hätte bis zum Abend locker gereicht. Wir wussten aber nicht genau, wie lange wir für diese 20 km benötigen würden, auch wenn das Gelände angeblich flach war. Aber wir wollten nicht um 16 Uhr oder später in einer grossen Stadt ankommen, wo wir gewiss einige Zeit mit Hostalsuche verbringen würden. Abends wäre so etwas recht stressig, also wollten wir lieber am Vormittag in Cuenca ankommen.

Entgegen der Information von einigen älteren Herren gab es in Cumbe jedoch weder Hostal noch Hospedaje oder sonstige Unterkünfte. Und es fand gerade ein Fest statt, da wollten wir nicht kurz nach dem Dorf campen und möglicherweise Opfer betrunkener Campesinos werden. So fragten wir eben nochmals nach, und eine junge Frau meinte dann, in einem Gebäude gäbe es Zimmer, die nicht besetzt seien, wir müssten die Besitzerin des Hauses fragen. Was nach einiger Warterei und um ein paar Ecken rum schliesslich auch klappte. Unser Zimmer war dann zwar nur ein freies Büro ohne Betten, aber wir hatten ja schliesslich unsere Matten, kein Problem also. Wegen der Trockenheit funktionierte die Wasserversorgung jedoch nicht, zum Glück hatten wir noch genug Wasser dabei, das würde sogar bis Cuenca reichen. Beim anschliessenden Spaziergang durch das Dorf waren wir beeindruckt von einigen grossen und sehr schönen Häusern, wie wir sie auch entlang der Strasse einige Male gesehen hatten. In Peru hatte es das nicht gegeben. Aber wir sind hier eben in Ecuador, dass da so einiges anders ist, hatten wir ja schon früher bemerkt.

Chicke Häuser gibt's hier.

Am nächsten Morgen schliefen wir etwas länger, wegen 20 km wollten wir nicht um 5 Uhr aufstehen. Wir bedankten uns bei der netten Señora für ihre Hilfe und die (kostenlose!) Unterkunft. Es folgte eine relativ flache Bajada, dann ging es platt oder mit nur ganz leichten Wellen nach Cuenca. Wieder einmal fanden wir, die Landschaft sei der Schweiz sehr ähnlich, grüne, z.T. bewaldete Hügel mit Kühen. Dann hatten wir den Stadtrand von Cuenca erreicht, wo uns leider eine Baustelle den direkten Weg in die Stadt verwehrte. Also folgten wir den organgen Umleitungspfeilen bis es die nicht mehr gab. Aber mit einmal Nachfragen fanden wir das Zentrum doch, wo die übliche Suche nach guten aber bezahlbaren Betten begann.

Zu Cuenca hier nur soviel: Die Stadt liegt auf etwas über 2'500 müM, ist wunderschön mit angenehmen Temperaturen und vielen Pärken. Zu unserem Glück gibt es auch gute Bicicleterías, wo Martina neue Reifen auftreiben konnte und die kleinen Wehwehchen unserer Bicis (hoffentlich) behoben werden. Wir werden Weihnachten hier verbringen und dann frisch und munter in Richtung Quito aufbrechen.

Weihnachtsbaum auf der Plaza in Cuenca.

Ich wünsche all meinen regelmässigen, gelegentlichen und zufälligen Leserinnen und Lesern frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Mittwoch, 15. Dezember 2010

San Ignacio - Loja: Kapitulation in Ecuador

Yep, wir sind in Ecuador. Zwischen San Ignacio und der Grenze sassen da zwar nochmals unzählige Hügel und Hügelis und wir mussten auch noch unsere "Overstay-Busse" bezahlen. Konkret heisst das, dass ich, weil ich länger als die drei Monate, die ich damals in den Pass gestempelt gekriegt habe, in Peru geblieben bin, pro Tag einen US Dollar bezahlen musste. In Cusco wurde mir gesagt, dass ich das an der Grenze erledigen könne und dass das kein Problem sei. Aber die Migración-Fritze in Cusco wissen eben nicht, wie die Dinge in diesem Holzschuppen in der Selva gehandhabt werden. Gemäss dem Grenzbeamten hätten wir den Betrag in San Ignacio bei der Banco de la Nación einzahlen sollen. Haben wir aber nicht gewusst, woher auch. Und das bitte in peruansichen Nuevo Soles, nicht in US Dolares. Haben wir aber ebenfalls nicht gewusst. Ist auch nicht logisch, da wird einem gesagt, man müsse einen Dollar bezahlen, in Realität müssen aber drei Soles geblecht werden. Die hatten wir aber nicht mehr. Also, eigentlich hätte ich USD 80 bezahlen müssen, um allfällige Kursschwankungen zum Sol auszugleichen, wollte der Beamte aber USD 85. Klar, kein Problem, eine andere Lösung gab es sowieso nicht. Dazu mussten wir noch 30 Soles bezahlen, um eine Person zu bezahlen, die das Geld nach San Ignacio bringen und in die Bank einzahlen würde. Dann mussten wir noch Kopien des Formulars, das wir dazu ausfüllen mussten, und des Passes und unserer Touri-Karte machen lassen (und wurden dabei Zeugen der Vergewaltigung einer Hündin - Rüden sind Arschlöcher!). Mann, war das kompliziert. Und als wir über die Brücke wollten, hielt es niemand für nötig, uns den Schlagbaum zu öffnen, zum Glück passten wir knapp daran vorbei.

Nach fünf Monaten Peru endlich in Ecuador.

In Ecuador war die Sache dafür umso einfacher. Der nicht uniformierte Beambte war nett, sehr amüsiert über unser Vorhaben, mit dem Velo durch Ecuador zu fahren und gab uns problemlos die maximal möglichen drei Monate Aufenthalt. Warum der Herr die Velos so witzig gefunden hatte, merkten wir schon ein paar hundert Meter später. Wir hatten die erste ecuadorianische Steigung erreicht und blieben erst mal stecken. Ok, wir hatten ja von allen Ciclistas gehört, dass die Stassen in Ecuador sehr schlecht und extrem steil seien und jetzt standen wir selber da, lachten uns ob der absurd miesen und ebenso absurd steilen Strasse ein Loch in den Bauch und versuchten, schiebend die Velos da hochzukriegen. Was wir mit vereinten Kräften natürlich auch schafften. Danach ging's abwechselnd fahrend und schiebend weiter bis wir nach fast zwei Stunden und etwa sechs Kilometer total geplättet waren und in einem winzigen Dörflein neben einem (betonierten) Fussballplatz auf einer Wiese campten.

Immer schön schieben...

Die Wasserversorgung des Kaffes war nicht so perfekt. Es gab zwar öffentliche Klos und Duschen, wow, welch ein Luxus, da der Sommer aber trocken gewesen war, floss da nur zu bestimmten Zeiten (manchmal) Wasser. Ein netter Herr nahm mich aber kurz zu seinem Haus mit und füllte unsere Flasche aus seinem Vorrat auf. Nette Leute, die Ecuadorianer. An jenem Abend genossen wir wieder einmal den Sternenhimmel, wenn man in Städten in Hostales schläft, sieht man sowas nicht. Die Nacht war jedoch etwas mühsam. Hier wurde es, im Gegenteil zu jenen peruanischen Hitzetälern - in der Nacht zu kalt, um nur im Seidenschlafsack zu schlafen. Die nächste Stufe, die wir hatten, waren unsere Daunenschlafsäcke, die natürlich viel zu heiss waren. Also entweder frieren oder schwitzen, ein Mittelding gab's nicht.

Unser erste Sonnenaufgang in Ecuador.

Der nächste Morgen kam bald, wir standen früh auf und gaben uns alle Mühe, iuns m Sattel die Hügel raufzukämpfen. Teilweise klappte das auch, teilweise auch nicht. Und anscheinend ist Schieben noch anstrengender als Fahren, wir machten nämlich öfters Guetsli-Pause als bisher, was aber absolut nötig war. Wir mussten sogar während Abfahrten Pause machen, da meine Hände vom Bremsen weh taten. Nicht mal abwärts kann man hier mehr ausruhen! In einem kleinen Dörfli konnten wir zu unserer Überraschung Brot,und Chips! kaufen, es gab eine hüsche kleine Plaza und öffentliche Toiletten. Ist Ecuador nicht cool? Wie man's nimmt, die vom Grenzbeamten versprochenen 23 Kilometer bis Zumba, dem nächsten grösseren Ort, erstreckten sich auf mindestens 26 Kilometer, was drei heisse, krass steile, steinige und sandige Kilometer waren, wo wir die Velos wieder zu zweit den Hang hochschieben und -ziehen mussten. Diesmal fanden wir es nicht mehr zum lachen.

Wir kamen vor Mittag in Zumba an, assen Zmittag und konnten uns nicht zum Weiterfahren motivieren, viel zu heiss. Wir fanden eine Unterkunft für je USD 3, so günstig war ja nicht einmal Peru gewesen, und beschäftigten uns mit anderen, weniger schweisstreibenden Dingen, wie kalt duschen und Siesta halten. Ein Polizist, den ich traf, meinte dann, die Strasse sei nördlich von Zumba viel besser, es gäbe noch zwei Steigungen, die aber nicht mehr so steil seien. Hmmm, gemäss Karte mussten da noch diverse Steigungen kommen, aber gut, ein Polizist wird die Strasse je wohl kennen.

Ebenfalls total absurd: bune Kücken im Hotel.

Würde man meinen. Der Hügel gleich nach Zumba war harmlos, die Abfahrt danach anstrengend für die Hände und nach einer Brücke ging es gleicht wieder steil hoch. Und warum muss die Strasse nicht nur unglaublich steil sondern auch noch soooooo schlecht sein? Das kann ja gar nicht der Ernst sein. Als wir gerade Pause machten, hielt ein Pick-up an und der Fahrer bot uns an, uns mitzunehmen. Martina war eh schon wieder platt (ihr Velo alleine ist schon sehr schwer) und hatte vom Schieben Rückenschmerzen, und auch mir erschien das Angebot extrem verlockend. Ok, das hier ist so abartig, dass der Spass irgendwie etwas verloren gegangen ist. Die beiden Männer hoben unsere Velos mit Sack und Pack auf die Ladefläche und waren etwas geschockt über das Gewicht, das wir hier mitschleppten. Geht uns auch so, jeden Tag aufs Neue!

Erwartungsgemäss wurde uns auf der Ladefläche bald kühl, es war schielsslich noch früh am Morgen und wir waren schweissgebadet, und ich war froh, meine Regenjacke in Griffweite zu haben. Wir konnten nun die Aussicht auf all die grünen Hügel richtig geniessen, zuvor waren wir immer zu beschäftigt gewesen um umherzuschauen. Es ging rasant auf und ab bis wir vor einer Baustelle einige Zeit warten mussten. Hätten wir nie gedacht, aber die Strasse hier wird tatsächlich unterhalten. Nach einer Dreiviertelstunden ging's weiter, immer noch auf und ab bis zum Dorf Palanda, wo unsere beiden Amigos den Tag arbeitend verbringen würden. Abends sollte es weiter gehen. Also hängten Martina und ich uns auf die Plaza in den Schatten und verbrachten unsererseits den Tag mit Nichtstun. Erstaunlicherweise machte das genauso müde wie Velofahren. Unsere Anwesenheit war für die Einheimischen natürlich eine Kuriosität und so unterhielten wir einige Erwachsene und eine ganze Schar Jungs und Mädels.

Angekündigt war die Weiterfahrt auf ungefähr 17-17.30 Uhr gewesen, kurz vor 19 Uhr fuhren wir denn auch tatsächlich los. Wir wieder auf der Ladefläche, zusammen mit unseren geliebten Bicicletas. Nach einer ganzen Weile Fahrt durch die Dunkelheit mit unzähligen Blitzen den Hügeln, stiegen die beiden Beifahrer aus und wir zogen in die Kabine um. Das war noch viel unbequemer als die Ladefläche, da es da eigentlich nur zwei Sitze gab, ich also zwischen Enrique, dem Fahrer, und Martina eingeklemmt war. Aber was soll's, Hitchhiker können sich nicht beklagen und ich war ohnehin so müde, dass ich immer wieder eindöste. Wir erreichten Vilcabamba kurz vor 22 Uhr und checkten ins erstbeste Hostal ein. Ob die Matrazen (zu) weich oder hart waren, interessierte im Moment wenig.

Am nächsten Morgen verbrachten wir viel Zeit mit der Suche eines Hostals, das uns gefiel, und  bezahlbar war, um ein paar Tage dort zu verbringen. Nach längerer Suche war uns klar, dass die günstigen peruanischen Preise hier nicht mehr galten. Ecuador, un v.a. Vilcabamba, ist teurer, und zwar deutlich spürbar. Die Residencial der Wahl, wo wir für ein Doppelzimmer mit eigenem Bad (ohne heisses Wasser) und Frühstück USD 10 bezahlten, hat auch einen Pool, Sauna und Jacuzzis. Ok, Sauna hatten wir in den letzten Tagen auch gehabt, je nach Wetter könnte eine Badi aber erfrischend sein und Jacuzzi ist sowieso immer willkommen.

In den nächsten Tagen waren wir beschäftigt mit Nichtstun, Kleiderwaschen, Velos zum Mech bringen und dem gesammten üblichen Pausenprogramm. Wir verbrachten auch etwas Zeit mit den kuriosen Mitbewohner der Residencial. Die meisten von ihnen männlich, langhaarig und wirkten irgendwie wie gealterte Hippies oder sonstige komische Vögel. Eine interessante Mischung, dazu nun noch wir, die uns ohnehin extrem fehl am Platz fühlten im Hotel mit Pool und Jacuzzi.

Bei einem 5-stündigen Reitausflug, natürlich mit Führer, gab es zum ersten Mal so richtig Action. Wir hatten Glück, dass nach einigen feuchten Tagen das Wetter mitspielte, bei Regen wären wir nicht gegangen, da nasse Wege rutschig und gefährlich gewesen wären. Nach einer kurzen Einführung, wie man diesen ungewohnten "Untersatz" dazu bringt, ungefähr das zu tun, was wir gerne hätten, ging's auch schon los. Die ersten 10-15 Minuten spazierten wir brav am Strassenrand entlang, hatten dann wir einen verkehrsfreien Feldweg erreicht, den die Pferde offenbar als Rennstrecke kannten und erst mal vollgas losgaloppierten. Da  aber das noch bewohntes Gebiet war, versuchten wir, die Tiere zu bremsen und landeten dabei beide fast im Garten eines Hauses. War aber zum Glück kein Problem und wir bekamen unsere Expressvierbeiner wieder einigermassen unter Kontrolle. Kurz darauf befanden wir uns wieder auf einer langen, flachen Geraden und die Pferde gingen wieder ab wie frisierte Motorräder. Diesmal liessen wir sie laufen und freuten uns wie kleine Kinder. Auf einem Pferd im gestreckten Galopp zu sitzen ist noch viel cooler als auf einem Velo eine lange Bajada runterzufetzen.

Hoch zu Ross, hat mega Spass gemacht.

Jetzt ging es noch eine Weile abwechselnd gemütlich im Schritt und im Galopp weiter bis wir vom Feldweg ins Gebüsch abzwiegen und einem schmalen Weglein folgten. Schon bald begann der Aufstieg auf einen Hügel, auch hier entlang einem schmalen, steilen und steinigen Pfad. Wir waren extrem beeindruckt von der souveränen Art, wie Pferde diesen anspruchsvollen Weg hochkletterten. Zuvor waren sie vom galoppieren nassgeschwitzt gewesen, jetzt vom Berg hochsteigen. Klar, das wäre uns auch so gegangen, hätten wir hier selber marschieren müssen. Dass diese Strecke bei Regen ungeeignet gewesen wäre, war uns jetzt auch klar.


Wir befanden uns hier auf privatem Land, das den Eltern unseres Führers gehörte. Gegen Mittag erreichten wir das Haus der Finca (Bauernhof), liessen die Pferde dort und stiegen in paar Minuten zum Gipfel des Berges hoch, wo wir eine sensationelle 360° Aussicht über die gesammte Region hatten. Anschliessend gab es Mittagessen, belagert von dauerhungrigen Hunden, einer Katze, Hühnern und Truthähnen. Der Abstieg vom Hügel war teilweise wieder sehr steil und v.a. steinig und wir bewunderten unsere Vierbeiner, die da ganz ruhig und gelassen runterkletterten. Um 15 Uhr waren wir wieder beim Hotel angekommen und Martina und ich verbrachten an jenem Abend gute drei Stunden im Jacuzzi.

Sollte es jemanden, der dies liest, nach Vilcabamba verschlagen, kann ich Holger, unseren Führer, und seine Pferde sehr empfehlen. Er ist ein sympathischer, verantwortungsvoller Typ, seine Tiere sind gut genährt und gepflegt, super ausgebildet und problemlos auch von unerfahrenen Reitern zu lenken. Wir haben für die 5-stündige Tour inklusive Mittagessen USD 35 bezahlt, ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis, speziell im teuren Vilcabamba.

Am folgenden Tag lief nicht gerade viel. Am Morgen bastelten wir etwa an unseren Velos herum und montierten Weihnachtsschmuck. Wir spazierten etwas durchs Dorf und verbrachten am Abend  nochmals rund zweieinhalb Stunden im Jacuzzi. Was im Preis inbegriffen ist, muss schliesslich ausgiebig genutzt werden.

Jacuzzis sind eine geniale Erfindung.

Gestern ist die Reise dann weitergegangen. Bis Loja sollten es um die 40 km sein, was an sich ja kein Problem darstellen sollte. Wir wussten aber nicht genau, wie viele Hügel und Berge dabei zu überwinden sind, klar war nur, dass es nicht flach sein würde. Wir fuhren morgens um 6.15 Uhr los und merkten kurz darauf, dass wir unser Mittagessen im Hotel, hoch oben an den Fernseher gehängt, vergessen hatten. Die Sachen hatten dort oben übernachtet, um möglichst wenige Ameisen anzuziehen, was aber nur bedingt funktioniert hatte. Jedenfalls mussten wir erst mal den Hang zurück zur Residencial um den Sack vom Fernseher runterzuholen. Eine Viertelstunde später ging's richtig los, beginnend mit einer kurzen Bajada nach dem Dorf und dann der ersten Subida des Tages. Hier ist die Strasse wunderschön ausgebaut und asphaltiert und die Steigung einigermassen normal, also eine eher gemütliche Sache. Es folgte eine supercoole Abfahrt, dann zweigten wir auf eine schmale Nebenstrasse ab, die eine weite Schleife der Hauptstrasse abkürzte.

Wieder auf der Hauptrasse began auch schon der nächste Hügel, ein höherer diesmal. Bisher hatte ich schon geglaubt, ecuadorianische Hunde seien weniger nervig als peruanische, hier wurde ich aber bald eines Besseren belehrt. Meine Fresse, lästiger als gewisse Köter hier geht es ja kaum! Holgers Pferde hatten sich daran weniger gestört als ich. Auch hier gab es, wie in und um Vilcabamba, diverse grosse, recht protzige Häuser, die bestimmt auch Gringos gehören. Die Einheimischen wohnen in den kleinen, unscheinbaren Häuschen, dort wo auch die nervösen Hunde rumkläffen. Vor Loja genossen wir noch einmal eine Abfahrt, dann kämpften wir uns durch den Stadtverkehr, der, je näher dem Zentrum, umso dichter und chaotischer wurde. Geordneter als in Peru wirkte die Stadt aber allemal. Wir fanden schnell eine günstige Unterkunft für die nächsten zwei Nächte. Einen Tag wollen wir in Loja bleiben um einige Dinge zu erledigen und einzukaufen.

Interessant, und etwas beunruhigend, ist die Feststellung, dass wir nach diesem halben Tag velofahren schon wieder ziemlich kaputt waren. Die fünf Tage Pause schienen gar nicht so viel gebracht zu haben, wie wir gehofft hatten. Auch sind wir, etwa seit wir von Trujillo losgefahren sind, fast die ganze Zeit am essen. und trotzdem noch dauernd hungrig. Ich wache morgens auf und mir ist fast übel bis ich etwas esse. (danach ist mir übel von den doofen Haferflocken). Irgendwie scheinen wir eine Art Limit erreicht zu haben, was die Leistungsfähigkeit und die Futteraufnahme betrifft. Naja, mal schauen, wie das so weitergeht.

Und hier noch ein paar Beobachtungen der Unterschiede zwischen Perú und Ecuador. Schon an der Grenze fiel auf, dass der ecuadorianische Beamte Stempel mit integrierten Stempelkissen hatte und nicht dauern den Stempel ins Kissen mit der falschen Farbe drückte. Jemand hatte etwas von einem höheren Lebensstandard in Ecuador erzählt, das stimmt offenbar auch für Bürostandards. Soweit so gut. Der Glaube an höhere Standards hielt gerade mal ein paar Minuten an. Nämlich bis wir die erste Steigung vor uns hatten und feststellten dass die "Strasse" eigentlich eher eine supersteile, sandige Geröllhalde mit Autospuren war. Oook, aber das hatten wir ja so erzählt bekommen. In dem Dorf, wo wir übernachteten, waren Volley- und Fussballplatz betoniert. Ist das Fortschritt oder eher Unsinn? Die Existenz öffentlicher Toiletten und Duschen war auf jeden Fall ein Luxus, die Wasserversorgung konnte damit leider nicht Schritt halten, die Leitungen waren trocken.

In Zumba, wo wir eine Unterkunft für USD 3 gefunden hatten, waren wir sehr positiv überrascht von diesem Preis, auch wenn der Standard dieses Hauses gewiss nicht sehr hoch war. Die Mittags- und Abendmenus in den Restaurants waren nur wenig teurer als in Peru, die Glacés tendenziell etwas billiger. Nach Zumba gab es mehr Verkehr und wir stellten bald fest, dass die Atmosphäre auf den Strassen relaxter war als in Peru. Es wurde weniger gehupt und die Autofahrer waren eher bereit, auch einmal zu bremsen. Und es gibt Frauen, die Auto und sogar Lastwagen fahren! In ganz Bolivien und Peru haben wir das nie gesehen. Generell erschienen uns die Leute etwas ruhiger, zurückhaltender, aber nicht weniger interessiert. Im Mercado in Zumba schenkten uns zwei alte Marktgrosis Bananen und Zitronen und als wir ihnen erzählten, dass wir mit dem Velo unterwegs waren, meinte die eine, dass ihr nur schon beim Gedanken daran der Hintern weh tue. Wow, die Señora denkt richtig mit! Uns tut der Hintern schliesslich tatsächlich (manchmal) weh.


In Ecuador gibt's z.B. auch 10 cm grosse Nachtfalter.

Dann war da natürlich Enrique, unser Retter in der Hitze. In Peru hat uns nie jemand angeboten, uns mitzunehmen, obwohl es da oft auch lange aufwärts ging (damit hatten wir kein Problem, schliesslich wollen wir ja pedalen). In Vilcabamba bemerkten wir dann ein klar höheres Preisniveau, was allerdings auch damit zusammenhängt, dass der Ort ganz extrem "Gringo Town" ist. Dort scheint es mehr Ausländer als Einheimische zu geben, viele dieser Gringos besitzen Land und wohnen dort. Für uns fühlte sich das richtig komisch an, seit Cusco haben wir nicht mehr so viele Weisse auf einem Haufen gesehen, nicht einmal in Huaraz erschienen sie sooo zahlreich. Entsprechend teuer sind in Vilcabamba auch die Hostales, zehn Dollar haben wir in Peru nie bezahlt (wir haben auch nie in einem vergleichbaren Hotel gewohnt, weil nie durch vergleichbare Steigungen fertiggemacht). Hier in Loja ist das Preisniveau tiefer, wenn auch immer noch höher als in Peru. In den Supermärkten ist das Sortiment aber auch breiter und es gibt mehr europäische Produkte. Und die Auswahl an Brot ist selbst in kleineren Orten um Klassen besser, in Peru waren wir froh, wenn wir halbwegs brauchbares Brot finden konnten, hier haben wir die Qual der Wahl. Dafür ist z.B. auch Internet nicht nur ein Bischen, sondern sehr viel teurer als in Peru, immerhin scheint es meistens etwas schneller zu sein, hier in Loja sind wir im Internet-Café im Siebten Himmel.

Interessant war auch die Feststellung, dass die alle Ecuadorianer, mit denen ich mich darüber unerhalten habe, ihren sozialistischen Präsidenten, Rafael Correa, sehr zu mögen scheinen. Eine so durchwegs positive Meinung hatte ich bis jetzt noch in keinem Land angetroffen. Offenbar kommt es hier, nach vielen Jahren Abzock-Regierungen, sehr gut an, dass z.B. Bildung und medizinische Versorgung dem Volk gratis zugänglich gemacht wurden und ausländische Firmen nicht mehr ungehemmt und fast gratis die Resourcen des Landes ausbeuten dürfen.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Chachapoyas - San Ignacio: Hitze im Mangoparadies

Als wir in Chachapoyas losfuhren, war uns noch nicht ganz bewusst, was uns in diesen tropischen Tälern erwarten würde. Der erste Tag sollte sowieso eher easy werden. Wir hatten vor, die Catarata Gocta zu besuchen und das würde nicht sehr weit sein. Nun, war es dann auch nicht. Dass es weiter war, als die Karte mit touristischen Sehenswürdigkeiten vermuten liess, war nicht weiter überraschend. Dass wir auf den letzten fünf Kilometern fast krepierten, eigentlich auch nicht. Dieser letzte Teil war eine miese Stein-Schotterstrasse, die so steil begann, dass wir in jeder zweiten Kurve Pause machen und nach Luft japsen mussten. Ok, Training für Ecuador, dort sollen die Strassen noch schlimmer sein. Angesichts der grau-schwarzen Wolken hofften wir einfach, dass wir das Dörfli Cocachimba noch vor dem Regen erreichen würden. Was mir dadurch erschwert wurde, dass mir im ersten Gang dauernd die Kette rausfiel. Was, verdammt, war da schon wieder los???

Es tropfte schon leicht, als wir zwischen den ersten Häusern durchfuhren. Die netten Leute wiesen uns in Richtung der Hospedajes mit Angaben zu den jeweiligen Preisen. Nach dem üblichen Matratzen-Check entschieden wir uns für eine der günstigeren Unterkünfte, die für das, was geboten wurde, eigentlich immer noch relativ teuer war. Spricht für sich: fünf Minuten, nachdem uns der Señor versichert hatte, dass es immer fliessend Wasser gab, kam kein Tropfen mehr aus dem Hahn. Dafür regnete es bald darauf so stark, dass "sintflutmässig" nur der Vorname war. Mann, hat das gepisst!!! Aber wen juckts, wir hatten ein Dach über dem Kopf und der Bach floss schön brav an unserer Zimmertür vorbei und auch die Velos standen am Trockenen. Der Hinweis der Señora, dass hier noch gar nicht Regensaison sein, die beginne erst im März, machte uns aber schon etwas nachdenklich. Wie sieht es hier denn im März aus, alles unter Wasser??

Aussicht von unserem Zimmer.

Da wir nun schon wiederholt dieses Wettermuster hatten, am Morgen sonnig, am Nachmittag äusserst nass, standen wir am folgenden Morgen früh auf und marschierten die veranschlagten zwei Stunden zum Wasserfall, der mit 771 m der Dritthöchste der Welt sein soll. Den Führer dafür hatten wir uns gespart, dafür begleitete uns Branco, ein Dorfhund. Erst führte der Weg durch Mais-, Zuckerrohr- und andere Felder, je weiter vom Dorf weg, desto weniger Spuren von Besiedlung sahen wir. Eigentlich war es am frühen Morgen noch verhältnismässig kühl, da es jedoch die ganze Zeit auf und ab ging, waren wir bald wieder schweissgebadet.

Catarata Gocta.

Je weiter wir ins Tal vordrangen, desto urwaldiger wurde die Umgebung. Zu unserer Überraschung gab es recht weit im Wald eine weitere Hospedaje, ausser ein paar Hunden sahen wir jedoch niemanden. Immer weiter ging's in den Wald, meist steil entweder rauf oder runter. Natürlich waren diverse Vögel zu höhren, die Äffchen oder Brillenbären, die es hier geben sollte, zeigten sich aber erwartungsgemäss nicht. Und falls sich doch einmal ein Vogel auf dem Weg verirrt hatte, sorgte unser treue vierbeinige Begleiter, der im Dorf weder Huhn noch Katze auch nur schräg anschaut, dafür, dass alles in die Flucht geschlagen wurde. Immerhin gab es einige Blümchen, die nicht vor Schreck davonrannten.

Die Blume hat keine Angst vor dem Hund.

Klar, wie immer, wenn man sich grossen, bzw. hohen Dingen annähert, verliert man sie irgendwie aus den Augen. So ging es uns auch mit dem Wasserfall, der ja aus zwei Teilen besteht, der Obere davon inzwischen aber verdeckt war. Macht nichts, der untere Teil war schon hoch und schön genug. Da wir uns dort jedoch mit nassgeschwitzten T-Shirts ein einer tiefen, schattigen Schlucht mit dauerndem ganz feinem Wasserstaub befanden, wurde uns recht bald kühl. Zum Glück waren wir so schlau gewesen und hatten unsere Regenjacken mitgebracht.

Unterer Teil der Catarata Gocta.

Wir gingen so nahe an den Wasserfall heran, wie wir glaubten, unseren Kameras zumuten zu können. Bei Sonnenschein wäre es wohl unterhaltsam, in den Wasserstaub zu stehen, bei den aktuelle Temperaturen war die Vorstellung nicht so verführerisch. Nach etwa einer Stunde Fotos machen und Znüni essen, machten wir uns auf den Rückweg. Ich war etwas überrascht, dass wir hier keine weiteren Leute antrafen, diese Catarata schien ja eigentlich ein wichtiges Touristenziel zu sein. Aber umso besser, so hatten wir den Wald für uns allein und es gelang uns problemlos, einige Fotos von zwei Gallitos de las Rocas, den Nationalvögeln Perus zu schiessen.

Gallito de las Rocas, Perus Nationalvogel.

Auf dem Rückweg trafen wir schliesslich drei Gruppen mit Führer, die auf dem Weg zum Wasserfall waren und waren froh, so früh gegangen und völlig ungestört gewesen zu sein. Um 11 Uhar waren wir wieder zurück bei der Hospedaje, packten unsere Sachen und fuhren los in Richtung des nächsten Dorfes, Pedro Ruiz. Die Señora des Hauses hatte mir noch eine Plastikplanne geschenkt, in der ich meinen Rucksack einpackte in der Annahme, dass der Himmel weiterhin jeden Nachmittag die Schleusen öffnen würde.

Wir holperten zur Hauptstrasse hinunter und von dort aus ging es zügig weiter, meistens abwärts, manchmal aufwärts und immer schön warm, bzw. heiss. Am frühen Nachmittag hatten wir Pedro Ruiz erreicht und standen dort erst mal vor einer Absperrung. Wir fragten nach einem von anderen Ciclistas empfohlenen Hostal und schoben unsere Velos an Hindernis vorbei die Strasse hoch. Dort sahen wir eine Bühne mit Musikinstrumenten und grossen Boxen die Strasse versperren. Aha, da wurde irgendein Anlass vorbereitet. Mit nochmaliger Hilfe der Einheimischen fanden wir auch das erwähnte Hostal, das zwar günstig, sonst aber nicht überwältigend war. Aber für eine Nacht ok. Und fast das wichtigste: die Dusche, und zwar die kalte Dusche, funktionierte. Uff, unglaublich, wie erfrischend Wasser doch sein kann.

Den Rest des Nachmittags spazierten wir durch die Strassen, probierten neue, unbekannte Früchte, kauften supergünstige und megafeine Mangos und schauten uns das Städtchen an. Ich suchte, und fand, einen Velomech, der mir meine Zahnräder wieder fest anziehen konnte. Dass die Gangschaltung mit diesem Gewackel nicht funktionieren konnte, war mir auch klar. Jertzt ist zwar nicht alles perfekt, aber schon viel besser. Die Nacht in Perdo Ruiz war leider nicht gerade ruhig gewesen, was auch immer das für ein Fest gewesen war, es war ortsüblich laut gewesen.

Am Morgen darauf war die Landschaft erst sehr ähnlich wie schon seit ein paar Tagen. Eine schmale, steile Schlucht mit hohen, grünen Berghängen auf beiden Seiten. Auf der Karte hatte das eher nach einem offenen, weiten Tal ausgesehen. Von diesen steilen Hängen schienen auch regelmässig Drecklawinen und Felsbrocken auf die Strasse zu donnern, an einigen Stellen war die Strasse Kubikmeterweise weggerissen und in den Fluss gestürzt, an anderen Orten mit Erde überschüttet. Das schien die Leute aber nicht weiter zu beeindrucken, einen Abbruch kann man absperrren, über Dreck drüberfahren. Hier ging es mehrheitlich noch bergab, jedoch mit einigen wenigen fiesen, weil sehr steilen und unasphaltierten Zwischensteigungen, die jeweils zu regelrechten Schweissexplosionen führten. Es gab auch viele Baustellen, d.h. irgendwas wurde an der Strasse gearbeitet, was natürlich immer lobenswert ist und worüber man sich nicht beklagen soll, auch wenn man manchmal etwas aufgehalten wird. Später wurden die Berge, zwischen denen wir hindurchfuhren, niedriger und flacher und nach einigen weiteren Kilometern befanden wir uns in dem erwarteten weiten, grünen Flusstal, in dem auch intensiv Landwirtschaft betrieben wurde.

Im Tal des Río Utcubamba, plötzlich ist alles platt.

Einige Kilometer vor dem Ziel des Tages, der Stadt Bagua Grande, mussten wir wieder vor einer Baustelle halten. Perfekter Vorwand, eine Pause zu machen. Und ebenso perfekter Vorwand, von einem der ambulanten Verkäufer ein Glacé zu kaufen. Jamm, das tat wieder einmal unglaublich gut. Durch die Baustelle zu manövrieren war dann etwas mühsam, da unasphaltiert, d.h. nasser Sand und Kies, aber auch das schafften wir und hatten schon bald darauf die Stadt erreicht. Es war aber noch nicht mal Mittag, weshalb wir uns entschlossen, weiterzufahren. Landschaftsmässig würde sich nicht mehr viel ändern, es würde also mehrheitlich wellig-flach bleiben.

Diese schwarzen Vögel wohnen hier zu Dutzenden.

Ausser, dass wir an einem Ort diese grossen schwarzen Vögel sahen, die normalerweise über unseren Köpfen kreisen, passierte an jenem Nachmittag auf der Hauptstrasse nicht mehr viel. Erst als wir abbogen, um zum Río Marañon hinunterzufahren, wurde es interessanter. Erst wegen meinem Platten, den ich jedoch nicht vor Ort flickte, sondern einfach nochmals aufpumpte. Bis zum Dorf Bellavista, wo wir die Nacht verbringen wollten, war es nicht mehr weit, das würde schon halten. Nach mehrmaligem Nachfragen fanden wir auch den schmalen Sandweg zum Flussufer und sahen schon die Lancha, ein kleines Boot, mit dem gerade ein Töff über den Fluss gebracht wurde. Die beiden Männer waren sehr freundlich und hatten offenbar Erfahrung mit Velos im Boot. Naheliegend, diesen Tipp hatten wir ja schliesslich auch von anderen Velofahrern erhalten. Wir mussten nichts abladen, die Velos wurden mitsamt Gepäck halb ins Boot gefahren, halb gehoben und schon ging's los durch die braunen Fluten. Auch der Preis, 1.5 Soles, war das, was uns gesagt wurde, was die Sache kosten sollte, hier werden Gringas nicht abgezockt. Nett.

Überfahrt beendet, Velos ausladen.

Die letzten drei Kilometer des Tages auf sandig-kiesigem Weg war nochmals schweisstreibend, dann hatten wir Bellavista erreicht. Das nächste Problem, wo schlafen? Die ersten beiden Unterkünfte, bei denen wir fragten, waren voll. Doch, dort oben gibt es noch etwas, nein, mehr Hospedajes gibt es im Dorf nicht. Ja, was jetzt? Aber gut, wir mussten es probieren. Und tatsächlich, wir fanden zwar kein eigentliches Zimmer, dafür ein ganzes Lokal, ausgerüstet mit zwei Betten, Klo und Dusche (!!!), und das zu einem echt günstigen Preis. Die Dame dort war wirklich meganett und hatte praktischerweise gleich noch so etwas wie ein Restaurant. Was will man mehr?

Wegen der zu erwartenden Hitze war wieder ein früher Start geplant. Um 6.10 Uhr waren wir abfahrtbereit, ich öffnete die Tür und Martina stellte fest, dass sie einen Platten hatte. Oh Shit! Ich hatte am Abend gemütlich meinen Schlauch geflickt, sie war jetzt über diese Überraschung am Morgen früh (verständlicherweise) extrem genervt und gestresst. Wie sich herausstellte, war kein Dorn oder Draht der Übeltäter, sondern der Mantel, bei dessen Innenseite sich eine Art "Naht" geöffnet hatte und vorstehende Teile den Schlauch durchgescheuert hatten. Also Reservereifen auspacken, und siehe da, das war nicht der gleiche, der war viel schmaler als der Originale. Soweit hoffentlich kein Problem, eine andere Möglichkeit, als den zu montieren hatte sie eh nicht.

So fuhren wir halt eben erst um 7.10 Uhr los, inzwischen war es natürlich ganz schön warm geworden. Die ersten zehn Kilometer bis zur asphaltierten Strasse brachten uns schon wieder fast zur Verzweiflung. Eigentlich sah die Strassenoberfläche gar nicht so schlecht aus, bestand aber aus viel losem Kies, Sand und Steinen und ich driftete darauf herum wie eine totale Anfängerin. Mindestens ebenso mühsam war, dass die vorbeiblochenden Autos ebendieses Kies und Sand als Geschosse missbrauchten und uns damit bombadierten. Nicht absichtlich natürlich, aber wenn man auf solchem Untergrund schnell fährt, fliegt das Zeug eben unter den Rädern hervor. Und die Region der rücksichtsvollen Autofahrer hatten wir definitiv verlassen. Martina musste ein paar Mal ihren Schlauch nachpumpen und vermutete erst, dass der neue Mantel eben noch steif gewesen war und sich jetzt mit Gebrauch und Hitze etwas ausdehnte. Der Schlauch, den sie eingebaut hatte, war zwar nicht neu gewesen, aber auch geflickte Schläuche sollten keine Luft verlieren.

Kaum auf der Hauptstrasse begann auch schon eine hübsche Subida und schon bald tropfte mir der Schweiss nur so von der Nasenspitze. Immerhin gab es auf der anderen Seite die entsprechende Bajada, die allerdings von Strassenschwellen und Polizeikontrolle unterbrochen wurde. D.h. wir wurden nicht kontrolliert, abbremsen mussten wir natürlich dennoch. Auch an jenem Tag führte die Strasse wieder durch ein weites Tal, immer sanft auf und ab und auf und ab. Martina war inzwischen auf der Suche nach einem Schattenplatz abseits der Strasse um einen neuen Schlauch zu montieren. Im kleinen Ort San Agustin gab es viele Bäume, so hielt ich an und wartete auf Martina. Vermutlich hatte sie nochmals pumpen müssen. Als sie aber lange nicht kam, nahm ich an, dass sie vor mir einen geeigneten Platz gefunden hatte und setzte mich meinerseits in den Schatten und wartete.

Als Martina schliesslich ankam, war sie ziemlich schlechter Laune, mir war aber nicht ganz klar, ob das wegen all den Platten war oder weil ich offensichtlich ihr Rufen nicht gehört hatte als sie ihren Reparaturplatz gefunden hatte. Also fuhren wir weiter durch die Hitze, immer in der Absicht, früh Schluss zu machen. Tags zuvor hatten wir über 100 Kilometer geschafft, da war es aber bewölkt gewesen. Jetzt war es sonnig, viel heisser und  bis San Ignacio, wieder über 100 km, würden wir es sowieso nicht schaffen.

Auch auf jener Strecke war die Strasse teilweise beschädigt. Hier jedoch nicht wegen herunterfallenden Felsen, sondern vom Fluss angenagt, der dort bei Hochwassen offensichtlich die Kurve nicht ganz kriegt.

Gefrässiger Fluss, arme Strasse.

Im ersten Dorf, wo wir nach Unterkunft suchten, gab es leider nichts. Blieb nur weiterfahren und hoffen, dass sich der Tipp eines Mannes als korrekt herausstellen und es sechs Kilometer weiter ein Hostal geben würde. Während dieser sechs Kilometer war dann auch Schluss mit Asphalt und wir konnten noch eine angemessene Verstaubung sicherstellen. Immerhin, der Señor hatte Recht gehabt und wir fanden die Hospedaje im Dörflein Chuchuhuasi auch gleich. Sehr günstig, äusserst einfach, aber es gab eine kalte Dusche und akzeptable Betten. Wir verbrachten den Nachmittag mit rumhängen, Guetslis kaufen und am Fluss sitzen. Für irgendwelche anderen Aktivitäten war es eh zu heiss. Selbst in der Nacht lagen wir ohne Decke und Leintuch auf dem Rücken und versuchten, so wenig wie möglich zu berühren, da alles, mit dem wir in Kontakt kamen, sofort schweissklebrig wurde.

Inzwischen waren wir mittelmässig traumatisiert von der Hitze und standen darum am folgenden Morgen schon um 4.15 Uhr auf um um 5.30 Uhr startklar zu sein. Blöderweise war es um diese Zeit aber noch zu dunkel zum Fahren und wir mussten noch eine Viertelstunde auf Tageslicht warten. Dann aber pedalten wir voller Enthusiasmus los um in der relativen morgendlichen Kühle so viele Kilometer wie möglich abzuspuhlen. Bis San Ignacio wartete nochmals eine nicht zu verachtende Steigung auf uns und wir wollten wenn irgend möglich nicht bis weit in den Nachmittag hinein den Berg erklimmen müssen.

Dieser Tag wäre das perfekte Eile-mit-Weile-Spiel geworden. Wie immer, wenn man es eilig hat, passiert irgend etwas. Wie z.B., dass Martina einen weiteren Platten hatte. Sie vermutete, dass das daran lag, dass ihre Schläuche für den schmaleren und somit engeren Mantel zu gross sind und dort drin gequetscht werden. Auf jeden Fall war der Schlauch geplatzt, als sie über einen Stein gefahren ist. So war schon wieder flicken angesagt. Da sie aber tags zuvor die kaputten Schläuch nicht repariert hatte (hat ja bis San Ignacio Zeit), musste sie das jetzt mangels weiterem Ersatzschlauch nachholen. Und da sie den schmalen Ersatzreifen nicht mehr benutzen wollte musste dort auch ein Flicken drauf. Der klebte aber nicht gut, und  sie musste mit Vulkanisierlösung nachhelfen. Und während der ganzen Zeit wurden wir von vorbeifahrenden Autos mit Steinchen bespickt. Echt toll.

Da wir eben wertvolle Zeit mit Reparaturarbeiten verblödelt hatten, hielten wir gerade extra an einem Stand an, wo frischgepresster Ananassaft verkauft wurde. Uiii, war das fein. So stellt man sich reisen in den Tropen doch vor. Wundervoll. Das schienen auch die beiden Männer mit Pick-up, die auch dort sassen, so zu sehen, allerdings eher wegen der hübschen Chica mit tiefem Ausschnitt und Minijupe. 

Aber unser Eile-mit-Weile-Spiel war noch nicht gewonnen. Kaum hatte die erwähnte Steigung begonnen, standen wir vor einer Baustelle und wurden informiert, dass wir eine Stunde warten mussten. Hä, ist das Ihr Ernst? Ja, absolut. Ok, ok, wir machten es uns am Strassenrand mit Guetslis gemütlich während wir langsam von Mitwartenden umringt wurden, die die Gringas en Bicicleta offensichtlich sehr interessant fanden. Bei der Frage nach unserer Route holte ich die Strassenkarte hervor, was unweigerlich immer wieder denselben Effekt hervorrief. Alle Anwesenden drängten sogleich sich um die Karte, als sei sie etwas unglaublich Exotisches oder sonst was Unerhörtes. Vermutlich hat die Mehrheit der Leute hier noch nie eine Strassenkarte gesehen.

Nach ziemlich genau einer Stunde wurde die Baustelle kurz geöffnet. Erst rasten die Autos, die oben gewartet hatten, durch als wollten sie jetzt gleich die verlorene Stunde wieder wettmachen, dann setzte auf unserer Seite ein kindisches Gedränge ein und schwupp, weg waren all die Autos. So konnten wir auch ungehindert losfahren und denn Hang raufkriechen, durch den Sand hin und her driften und den Staub geniessen.

Auf dieser Strasse gab es als Unterhaltung archeologische Werke aus längst vergangenen Zeiten zu bestaunen: Überreste einer Asphaltdecke, mal schmale Streifen, mal mehrere Quadratmeter breit. Zu welchem Zweck diese Beschichtung der Strasse gedient hatte, ist momentan noch in Untersuchung, die Vermutung lautet jedoch, dass sie Urciclistas das Leben bedeutend erleichtert hatte, da man auf Asphalt weder im Sand absäuft noch von anderen Verkehrsteilnehmern mit Steinen beschmissen wird.

Irgendwann ist Archäologie jedoch nicht mehr spannend und bald schon hatten wir wieder Hunger. Wir fanden sogar einen überdachten Platz, wo wir unser tolles Mittagessen auspackten. Toll aus folgenden Gründen: Vom Vortag blieben noch vier Brötchen und ein Pack gelbe, trockene und süsse Brötlis, an denen wir fast verstickten und die wir unmöglich mit unserem Dosenfisch kombinieren konnten. Anständiges Brot war in Chuchuhuasi nicht zu bekommen gewesen. Dieser Fisch war auch eine Story für sich. Wir hatten den in Tingo eingekauft für unsere Kuelap-Tour. Also, eigentlich hatten wir nach Tunfisch gefragt und nicht verifiziert, ob wir auch das Gewünschte erhalten hatten. Anstatt Tun hatten wir geshredderte Sardinen gekriegt, die wir dann aber nicht gegessen hatten, da es mir mega mies gegangen war und ich keinen Hunger gehabt hatte. Und unsere Sardineness-Motivation war eher unterentwickelt und so hatte ich die Dose möglichst in Vergessenheit mitgeschleppt. Dies hätte ihr grosser Tag werden sollen aber wirklich fein war das Sardinenmus nicht gewesen. Fanden wir. Die Ameisen, die wir damit fütterten, unternahmen hingegen alles, um das Zeug in ihren Bau zu schleppen. Arme Babyameisen, die jetzt tagelang Fisch essen müssen. Eine weitere, recht grosse Ameise fand Sardinen auch widerlich und zog gelbe, trockene Brotkrumen vor. Jedem das Seine, das gilt auch für Ameisen.

Und natürlich auch für uns. Und das Unsere war gestern Nachmittag eben, schwitzend und gegen Zancudos und Mücken kämpfend den Berg hinaufzustrampeln. Martina war wieder nicht in Toplaune, ihr war es wohl schlicht zu heiss. Schon seit Tagen fragte ich mich, wie wir da Kolumbien und Mittelamerika überleben sollten. Viel kühler wird es dort ja vermutlich nicht werden. Aber siehe da, plötzlich waren wir auf einer Art Passhöhe und erspähten auf der anderen Seite im Tal San Ignacio. Endlich! Wir genossen nochmals drei Kilometer rasante Abfahrt und standen dann am Rand der Ortschaft.

San Ignacio, Perus Kaffeeland.

Nach nicht allzulanger Suche fanden wir eine Unterkunft, auch hier mit langersehnter kalter Dusche. Wobei hier in San Ignacio das Klima recht erträglich ist. Die Stadt befindet sich auf ungefähr 1'000 m Höhe und wenn es bewölkt ist, ist die Temperatur perfekt. Zu unserer Freude gibt es hier auch eine Panadería mit feinen Torten und jene Läden mit süssen Mangos, so dass unsere Welt am Abend wieder völlig in Ordnung war.

Morgen geht es weiter nach Ecuador! Ich halte mich nun schon über fünf Monate in Perú auf und habe Land und Leute lieb gewonnen. Eigentlich möchte ich hier nicht weg. Das Problem daran ist, dass ich ausreisen muss, länger als sechs Monate ist nicht möglich. Das wird sowieso schon teuer werden, da ich nur ein 3-Monatsvisum hatte. Für jeden Tag, den ich länger im Land geblieben bin, werde ich an der Grenze einen Dollar bezahlen müssen. Und schliesslich ist es die Idee einer Reise, immer weiter zu wollen/müssen/dürfen/können/sollen. Pero volveré, seguro.

Montag, 29. November 2010

Cajamarca - Chachapoyas: ¡¡¡Velos geklaut!!!

Da sind wir also am Sonntag vor einer Woche weitergefahren. Was uns bis Celendín, der nächsten grösseren Ortschaft, erwartete, wussten wir nicht genau. Es würde hügelig werden, soviel war klar, die Details lagen hinter der ersten Steigung verborgen.

Diese Voraussage erfüllte sich dann natürlich auch. Es waren aber wirklich nur Hügel und das Auf und Ab haute uns nicht aus den Socken. Das sollte erst später kommen. Da wir wie immer früh aufbrachen, hielten sich die Temperaturen in Grenzen. Bis zum ersten Dorf, La Encañada, mussten wir eine Steigung und einige Wellen überqueren, dann kam die logische Abfahrt ins Tal. Dort unten waren viele Leute mit Vieh unterwegs, wie sich herausstellte fand im Dorf gerade ein Viehmarkt statt. Nach nur kurzer Pause stieg die Strasse, nun seit einigen Kilometern wieder "Naturstrasse", wieder an. Eine Gruppe Velofahrer, die wir in Cajamarca getroffen hatten, hatten uns gesagt, dass der Belag dieser Strasse hier, obwohl kein Asphalt, gut sei. Und tatsächlich, es war zwar staubig wie immer, aber wir kamen gut vorwärts, selbst hügelaufwärts. Die Steigung war moderat und da es am frühen Nachmittag bewölkt wurde, war die Sache gar nicht so unangenehm.

Test neue Fototechnik.

Auf der anderen Seite des Berglis fühlten wir uns wie in die Schweiz versetzt. Sanfte Hügel, von leuchtend grünen Wiesen und gelegentlichen Wäldchen bedeckt und überall Milchkühe. Klar, irgendwoher muss die Milch für all den Käse, den man in Cajamarca kaufen kann, ja kommen. Weiter ging's, mehrheitlich bergab, aber immer wieder über kleine Wellen, bis schliesslich die richige Bajada nach Celendín begann, wo wir abends gegen 17 Uhr eintrafen. Wir hatten die Information erhalten, dass in Celendín Julio wohne, ein Ciclista, bei dem man allenfalls übernachten könne. Dumerweise war er aber nicht zu Hause, also suchten wir ein Hostal und fanden mit "Mi Posada" eine Superunterkunft, günstig, ruhig, sehr herzliche Leute und nahe der Plaza. Perfekt. Gerade aufregend war jener Tag zwar nicht gewesen, aber irgendwie befriedigend. Die Batterie meines Bikecomputers war gerade leer und ich weiss nicht nicht gena, wie viele Kilometer wir absolviert hatten, gemäss Wegweiser müssten es jedoch etwa 107 km gewesen sein und gemäss Martina waren wir über acht Stunden (Nettofahrzeit) unterwegs. Entsprechend kaputt waren wir und einiermassen überrascht, dass wir trotzt einigen Stunden Steigungen über 100 km geschafft hatten (den Bajadas sei Dank).

Wie sich's gehört begann auch der nächste Tag mit einem Hügel. Die Strasse war immer noch in gutem Zustand und führte hauptsächlich durch Mais- und Kartoffelfelder. Vergeblich versuchte ich, hübsche, rot-schwarze Vögel zu fotografieren. Die konnten zwar jeweils lange in einem Busch sitzen, kaum zückte ich die Kamera, waren sie weg. Soviel zu meinem Talent als Fotografin. Noch am frühen Vormittag hatten wir die Passhöhe erreicht, machten kurz Pause und bestaunten dann die vor uns liegende Abahrt zum Río Marañon. Wir befanden uns da vermutlich auf ca. 3'200 m.ü.M., gemäss Information von anderen Velofahrern liegt der Fluss auf etwa 800 m, der Pass danach soll mit 3'600 m der höchste Punkt des Departament Amazonas sein. Mit anderen Worten, es lag eine Abfahrt der Extraklasse vor uns und danach die Steigung mit den meisten Höhenmetern, die wir je zu bewältigen gehabt hatten.

Aussicht vom Pass ins Tal des Río Marañon.

Und los ging's. Auf dieser Strecke hatte man die Wahl zwischen schnellem Runterfetzen und hübsche Blumen am Strassenrand sehen. Beides gleichzeitig erweis sich als sehr tricky, da man sich ja auch auf die Strasse konzentrieren musste (daneben ging es sehr steil abwärts). Ab und zu klappte die Kooradination jedoch, dann gab es z.B. solche Blumen zu sehen.
 
Schöne Blumen auf dem Weg ins Tal.

Diese Seite des Passes war zwar völlig anders als die Seite von Celendin, Landwirtschaft wird jedoch auch betrieben. Swischen Cajamarca und Celendín hatte es zu meiner Überraschung sogar einige alte Traktoren gegeben. So fortschrittlich ist man hier noch nicht, hier wurde nach altbewährter Methode mit Stieren- oder Ochsengespannen gepflügt.

Hier gibt's keinen Traktor.

Der ein oder andere Halt wegen leuchtenden Blumen brachte noch andere faszinierende Beobachtungen mit sich. Z.B. dieser "Kugelstösser"-Käfer. Keine Ahnung, wie der richtig heisst, obwohl ich schon von diesen schrägen Typen gehört habe. Dieser hier war denn auch wie im Dokumentarfilm damit beschäftigt, eine Erdkugel, die viel grosser ist als er selber rückwärts durch die Welt zu schieben. Und da die Welt bekanntlich nicht total flach und eben ist, hatte er seine liebe Müh und Not, seine Kugel durch all die Rinnen über all die Erdwällchen zu stossen. Wenn er sich seinen Weg zuvor ausgekundschaftet hätte, wäre das mit ein paar kleinen Kurven und Umweglein bedeutend einfacher gegangen, aber auf die Idee kommen Käfer offenbar nicht.

Auch er bei schwerer Arbeit: "Kugelstoss"-Käfer.

Zumindest im Moment war unser Job noch leichter. Es ging noch kilometerweise bergab, meistens nicht sehr steil und je länger je heisser aber es ging bergab und kostete damit kaum Kaft. Je weiter wir ins Tal hinunterkamen, desto trockener und brauner wurde die Landschaft, bis fast nur noch Kakteen und Dornbüsche wuchsen. Einzige Ausnahmen bildeten einige Häuser, dort gab es Wasser und war alles grün. Dort gab es ausserdem agressive Hunde, die uns am liebsten fressen wollten. Bergab waren wir aber schneller und konnten ihnen die Zunge rausstrecken. Pech hatten die Schnellfahrer dort, wo es vor Häusern Schwellen gab. Und zwar ganz fiese, die dieselbe Farbe hatten wie die Erde der Strasse und damit kaum sichtbar waren. So war die eine oder andere Vollbremsung nötig um sich nicht die Felgen zu zerstören oder irgendwohin davonzufliegen. Frontalcrashes gab es auf dieser Bajada ohnehin ein paar. Meistens mit Schmetterlingen, die davon hoffentlich keinen Schaden davontrugen.

Río Marañon.

Kurz vor Mittag hatten wir den Fluss erreicht, überquerten die Brücke und waren schweissgebadet. In einem kleinen Dorf gab es einen Polizeiposten mit obligatorischer Kontrolle. Dann durften wir netterweise im Schatten des Polizeigebäudes Zmittag essen, in der Sonne hätten wir das nicht überlebt. Unser Käse war auch so schon fast tot, bzw. war zu Streichkäse mutiert. Vor dem Polizeiposten gab es auch ein Klo mit integrierter Dusche, wo wir Wasser tanken und uns kurz waschen konnten. Jede Bewegung führte zu Schweissausbrüchen. Und so sollten wir diese Steigung hochkommen??? Das waren immerhin um die 2'800 m, die wir hier raufmussten...

Zu Beginn war die Strasse zum Glück noch nicht steil und führte an einigen Stellen unter schönen alten Mangobäumen durch, die dunkle Schatten warfen. Als wir wieder in praller Sonne fuhren, meinten wir, bald verglühen zu müssen. An einem Bächli konnten wir die T-Shirts tauchen, das kühlt am effizientesten ab. Wir hatten etwa drei Kilometer geschafft als wir an einem Haus vorbeigefahren waren und wir gerade beratschlagten, ob wir fragen sollten, ob wir dort campen könnten, als die Leute uns zurückriefen und uns je eine Mango schenkten. Wow, mega nett. Unsere Frage nach einem "Campingplatz" wurde dann auch enthusiastisch bejaht. Der ältere Herr, mit dem wir redeten, stellte sich als (ehemaliger) Polizeigeneral vor, der auch einmal die Schweiz besucht hatte. Was ihn dort anscheinend sehr beeindruckt hatte, war, dass alles Wasser trinkbar ist, ausser es steht etwas anderes angeschrieben:-)

Unsere neuen Freunde luden uns zu einem Bad im nahen Bach ein, was natürlich gerade recht kam. Mann, tat das gut. Ausserdem war es auch äusserst unterhaltsam, mit einem peruansichen General und seiner Tochter im Flüssli zu plantschen und dabei aufzupassen, nicht von der Strömung mitgerissen zu werden. Was etwas unpraktisch war, war der viele Sand im Wasser, der isch überall mit einschlich. Da ich in Unterhosen und Top badete blieb mir dieser Sand auch recht lang erhalten. Erfrischt und entstaubt wurden wir mit zum Zvieri eingeladen und erfuhren dort, dass wir in einer Art kleinen christlichen Gemeinde gelandet waren, wo viel gebetet wurde. Und wo eine der besten heissen Schokolade in ganz Peru hergestellt wurde. Und zwar von A bis Z selber. Der Kakao wuchs zwischen all den Mangobäumen, wurde vor Ort getrocknet, geröstet und gemahlen (oder gepresst, oder was auch immer) und schmeckt auch wie man sich heisse Schokolade vorstellt. Genial.

Später nahmen wir an einer Art Gottesdienst teil, wo wir etwas über die Läuterung des ehemals nicht gerade zimperlichen Polizisten, der auch gegen den Sendero Luminoso gekämpft hatte, zum gläubigen Christen erfuhren. Interessant, was es hier so alles gibt. Auch das Abendessen war sehr fein, mit einem Agua de Anís, einer Art Aniswasser, ebenfalls selber hergestellt, und ebenfalls mega fein. Zum Schlafen war es uns immer noch fast zu heiss, auch im Seidenschlafsack schwitzten wir weiter.

Unsere Familie für einen Nachmittag/Abend,
Cintia, ihr Vater, der General und vier Hermanitas.

Um dieser Hitze zu entgehen, standen wir schon um halb fünf auf, schafften es jedoch nicht, vor sechs Uhr loszukommen. Logisch, bei so vielen netten Leuten, von denen man sich verabschieden muss. Gelohnt hat sich das frühe Wecken aber auf jeden Fall, die Temperaturen waren noch angenehm und unsere Gehirne wurden an jenem Tag nicht mehr so krass weichgekocht. Auch die Morgensonne liess sich noch aushalten, es blies ein leichter Wind und manchmal fanden wir kleine Bäche um uns abzukühlen. Glücklicherweise gab es auf dieser Strecke nicht viel Verkehr und die wenigen Autos und Laster waren zu unserem absoluten Unglauben sogar rücksichtsvoll und fuhren langsam vorbei! Ein Lastwagenfahrer, den wir ein paar Mal rauf und runterfahren sahen, schenkte uns sogar eine Mango und entschuldigte sich noch, weil er nur eine einzige hatte. Uf, wo sind wir hier denn gelandet?

Bis zum Mittag hatten wir einiges an Höhe gewonnen und waren der schlimmsten Hitze so enttronnen. Mühsam waren einzig die diversen Feuer, mit denen Buschland abgebrannt wurde und durch deren Rauch und Asche wir hindurch mussten. Aber dagegen gab es nichts zu unternehmen, da galt einfach Augen zu und durch. Oder besser Augen auf, man wollte ja nicht den Hang hinabstürzen.

Noch mehr schöne Blumen.

Die Strasse, die sich natürlich über mehrere Kilometer Breite des Berges hin und her wand, erlaubte so auch Aussicht in Seitentälter, die unterschiedlich grün waren und von verschiedenen Pflanzen bewachsen wurden. Auch die Perspektive des Blicks ins Tal wandelte sich ständig, so wurde einem nie langweilig. Ausserdem war da natürlich noch die Strasse auf der anderen Talseite, auf der am Vortag runtergebrettert waren. Sich vorzustellen, wo ma dort jetzt ungefähr wäre, war jedoch eher frustrierend, man meinte, überhaupt nicht vorwärtszukommen. Stimmt jedoch nicht, bis zum spätren Nachmittag hatten wir 33 Kilometer geschafft als wir bei einem Restaurant fragten, ob es irgendwo einen flachen Platz zum campen gäbe. Den gab es sogar, gleich ein paar Meter weiter mit super Aussicht ins Tal. Cool, also blieben wir dort und unterhielten die staunende Kinderschar, die uns beim Zeltaufstellen und Kochen nicht aus den Augen liess.

Der nächste Morgen kam bald und uns blieben noch 27 Kilometer bis zur Passhöhe. Bis etwa halb zwölf hatten wir auch das geschafft und stellten fest, dass es dort oben eher kühl war. Ja logisch, auf dieser Höhe war es noch immer kalt gewesen, nach der Hitze im Tal hatten wir uns das einfach nicht mehr vorstellen können. Da wir uns das zeitlich locker leisten konnten, bis zum Dorf Leymebamba ging es nur noch abwärts, hielten wir Siesta und genossen die Stille in der Höhe.

Nach dieser Strecke mit tropischen Pflanzen glaubten wir uns auf der anderen Seite wieder in die Schweiz gebeamt. Klar, einige Details wie Baustiel der Häuser und Baumarten stimmten nicht ganz, im Grossen und Ganzen könnte die Landschaft jedoch in der Schweiz liegen. Wir flitzen durch ein paar winzige Dörflein und standen um etwa halb drei in Leymebamba auf der Plaza. Wir wollten dort übernachten, da es dort einiges zu sehen gab. Ausser einem Museum war uns ein schöner Wasserfall und die Laguna de los Cóndores empohlen worden. Wie sich dann aber leider herausstelle, würde man für einen Besuch der Lagune mindestens drei Tage und einen Führer brauchen und der Wasserfall befand sich gar nicht in der Nähe. So blieb das Museum, das wir für den nächsten Morgen einplanten.

Könnte doch fast in der Schweiz sein.

Und das es dann auch Wert war, 4.5 km den Hügel hinauf zurückzufahren. Ausgestellt waren dort diverse Gegenstände (Keramik-Gefässe, Textilien, Werkzeuge, geschnitzte Figuren) der Chachapoya-Kultur, die sich nach der Eroberung durch die Inkas mit der Inka-Kultur vermischt hatte. Bei der Laguna de los Cóndores hatte man zahlreiche Mumien gefunden, die jetzt auch im Museum zu bestaunen waren. Interessanterweise waren die Chachapoyas hellhäutige, grosse Menschen gewesen, offenbar europäischen Ursprungs. Im Museum wurde die Frage, woher diese Leute denn wohl gekommen waren, jedoch nicht beantwortet.

Schräge Typen gibt's da...

Am selben Tag kurz nach Mittag fuhren wir weiter in Richtung Tingo, dem Ausgangspunkt für die Besichtigung von Kuelap, einer der bedeutendsten Ruinen im Norden Perus. Das war eine ruhige, mehrheitlich abfallende Halbtagesetape entlang dem Río Utcubamba. Das Flusstal war grün, hübsch aber nicht weiter spektakulär. In Tingo fanden wir eine günstige Unterkunft mit überraschen bequemen Betten. Schon bald stellte sich jedoch heraus, dass die Sache mit dem versprochenen heissen Wasser einmal mehr nicht funktionierte. Aber ok, kalte Duschen sind nichts Neues. Blöder war, dass, als Martina unter der Dusch stand, bald gar kein Wasser mehr kam. Auf meine Nachfrage hin reagierten die Señoritas des Hostales nicht weiter überrascht und brachten einen Eimer Wasser ins Zimmer. Offenbar sind Unterbrüche in der Wasserversorgung hier keine Seltenheit.

Da wir unsere Frühstücks-Haferflocken langsam aber sicher extrem satt haben, hatten wir zum Zmorge Sandwiches und Kaffee bestellt, auf 6 Uhr, immerhin erwarteten uns drei Stunden Aufstieg nach Kuelap. Als um 6.10 Uhr noch niemand in der Küche stand, begnügten wir uns mit unseren öden Avenas und waren eine halbe Stunde später abmarschbereit. Inzwischen war auch die Küche bevölkert, so cancellten wir das bestellte Frühstück und legten los. Trotzt der morgendlichen eher kühlen Temperaturen waren wir bald klatschnass geschwitzt, der Weg war aber auch blödsinnig steil. Und schon bald stellte ich fest, dass mein Magen durch irgendetwas beleidigt war, hatte aber keine Ahnung, was das Problem sein könnte. Je weiter wir hochstiegen, desto mieser ging es mir, ich hatte Rückenschmerzen, keine Energie, war total kaputt. So brauchten wir denn auch insgesammt dreieinhalb Stunden bis wir die Festung endlich erreicht hatten.

Kuelap Haupteingang.

Das nächste Problem bestand darin, Tickets zu kaufen. Offenbar gab es nur beim Parkplatz eine Verkaufsstelle, die befand sich aber weitere 20 Minuten Fussmarsch vom Eingang entfernt. No way! Wir würden ganz gewiss nicht weitere 40 Minuten in der Gegend rumlatschen. Schliesslich trafen wir einen netten Angestellten der Anlage, bei dem wir die Eintrittsgebühr entrichten konnten, wenn auch ohne im Gegenzug ein Ticket zu erhalten. Aber wir sind hier in Peru, also kein Problem. Wir fanden auch prompt eine Führerin, die uns eine gute Stunde die Anlage zeigte und erläuterte.

Gemäss den Archäologen hatten hier in der Blütezeit der Chachapoya-Kultur 3'000-4'000 Menschen gewohnt, in kreisförmigen Wohngebäuden, die alle gleich eingerichtet waren. Es gab einen Eingang, eine Art erhöhte Plattform (als Bett?), einen Stein, der zum Getreidemahlen diente und ein oder mehrere ebenfalls kreisförmige Löcher, die als Grabstätte dienten. Die Viviendas waren aussen mit geometrischen Mustern verziert, die den gesellschaftlichen Rang der Bewohner anzeigten.

Viviendas, Wohngebäude in Kuelap.

Auf unserem Rundgang trafen wir noch Archäologen bei Ausgrabungen und konnten eine interessante Unterhaltung zwischen ihnen und unserer Führerin verfolgen. Erst ging es um den Ursprung eines Gebäudes, das bis anhin als Chachapoya-Architektur klassiert wurde, jetzt aber zum Inka-Stil zugehörig bezeichnet wurde. Die Inka hatten Kuelap erobert, aber nicht zerstört. Sie hatten es bewohnt und weitere Gebäude errichtet, aber keine runden, sondern rechteckige. Als die Spanier hier aufkreuzten, verbündeten sich die sich von den Inkas unterdrückt fühlenden Chahapoya mit ihnen und halfen ihnen, die Inkas zu besiegen. Dumm nur, dass die Spanier die Unterdrückung danach fortsetzten.

Soweit so gut, das war noch nicht überrachend. Als sich die Konversation zu  Gebräuchen verschiedener Amazonas-Stämmen wandte, wurde es interessanter. Anscheinend sei hier Kannibalismus weit verbreitet gewesen. Und das nicht in grauer Vorzeit, sondern bis von 20-30 Jahren. Belege dafür gäbe es zwar keine, aber an den unzähligen Legenden und Berichten muss wohl etwas Wahres sein. Bei vielen Hochkulturen in Lateinamerika (Inka, Maya, Azteken) waren auch Menschenopfer üblich und unsere Füherin vermutete, dass da teilweise auch ein gewisser Kannibalismus dahintersteckte. Schön, schön, ich hatte ja auch schon Stories von menschenfressenden Urwaldbewohnern gehört, wirklich geglaubt hatte ich das bisher jedoch nicht.

Vivienda reconstruida, rekonstruiertes Wohngebäude.

Bald nach Ende der Führung machten wir uns auf den Rückweg. Graue Wolken drohten und wir hatten keine Lust, diesen steilen, wenn nass bestimmt äusserst glitschigen Weg bei Regen runterzuklettern. Inzwischen waren mein Kopf und Rücken in so üblem Zustand, dass ich weder nach links noch nach rechts schauen konnte und jeder Schritt schmerzte. So schlich ich langsam den Berg runter und wünschte mir, nie da raufgewandert zu sein. Zurück in Tingo löste eine Erkältungs-Tablette das Problem verblüffend schnell, das Problem mit dem fliessenden Wasser hingegen schien unlösbar zu sein. Jedenfalls war nichts mehr mit kalter Dusche, eine Katzenwäche mit Lappen und Flasche war das höchste der Gefühle.

Als wir am nächsten Morgen unsere Velos packen wollten, machte Martina eine schreckliche Entdeckung. Unsere Velos waren fort! Weg, fort, gestohlen!! Natürlich nicht die grossen, teuren Stahlrösser, sondern jene etwa 4 cm kleinen Drahtvelölis, die wir für je 50 Cent in Cusco gekauft und an den Lenkern befestigt hatten. Oh Schreck, ich hatte an diesem winzigem Velo solche Freude gehabt, jetzt hat es irgend so ein kleiner mieser, fieser Dieb! Leider wussten wir nicht, ob die evtl. schon seit Leymebamba gefehlt hatten und konnten darum keinen Aufstand veranstalten. Aber auch dort hatte es im Hostal einen Jungen gehabt, der sehr an unseren Velos interessiert gewesen war, ist also schon möglich, dass die Velölis dort geblieben sind. Ah Shit!!!

Die nächsten 23 km führten uns weiter sanft bergab durchs Utcubamba-Flusstal bis zur Abzweigung nach Chachapoyas. Hier begann der Asphalt und die Subida, 15 km Steigung bis zur Stadt, kombiniert mit schön warmen Temperaturen. Aber was sind schon 15 km? Klar, wir schwitzten und hatten Durst, aber irgendwann hatten wir die Aussenquartiere der Stadt erreicht, wo ich mir die Autowaschanlagen merken konnte, um später den Staub aus meiner Schaltung zu waschen. Dann war der Asphalt fertig und es folgten ein paar hundert Meter übelste Steinpiste, dann eine steile Steigung auf Betonplatten und schon waren wir im Zentrum der Stadt. Nach einigem Suchen hatten wir sogar eine hübsche Unterkunft gefunden, nicht supergünstig aber dafür sympatisch. Hier sind zwei Tage Pause geplant, dann geht's endgültig in die Tropen und vor allem in Richtung Ecuador.