Mittwoch, 5. Mai 2010

¡No podés pasar! Pass wegen Schnee gesperrt

Wer glaubt's denn, da regnet es in San Pedro de Atacama etwa alle zwei Jahre und gerade dann wollen wir ueber den Paso Jama. Das Problem dabei ist, wenn es in San Pedro regnet, schneit es auf dem Pass und die Strassen sind gesperrt.

Aber der Reihe nach. Wir sind eines fruehen Morgens von Susques aus losgefahren, in Begleitung von Matthias, eines Deutschen Radfahrers, den wir dort im Hostal getroffen hatten. Nach den obligaten paar Huegeln kamen wir runter auf die Ebene des Salars Olaroz, wo wir zwar Rueckenwind hatten, es aber leider auch regnete. Um den Mittag rum klarte es auf und wir freuten uns schon ueber die Sonne, die leider nicht lange anhielt. Am spaeteren Nachmittag machte Matthias eine Pause, da er sich nicht wohl fuehlte, und schickte uns voraus. Schlechten Gewissens fuhren wir weiter, immer auf eine graue Wolkenwand zu. Schon nach ein paar Kilometern mussten wir das Regenzeug anziehen und kurz darauf waren wir uns mitten in der Regenfront. Wir befanden uns auf einer Hochebene, das Land war wieder einmal platt wie gebuegelt, und es existierten noch zwei Farben: unten braun, oben grau. Ob da noch Berge drumherum waren, war unmoeglich zu erkennen.



Da wir auf ca. 4'200 Metern Hoehe waren, wurde aus dem Regen bald Schnee. In diesem flachen Land war an campen nicht zu denken, nicht bei diesem Wind, der unglaublicherweise immer noch von hinten blies. Darum entschieden wir uns auch, die - wie wir annahmen - 105 km bis zur Grenzstation durchzuziehen. Aus den 105 wurden schliesslich ueber 117 km, aber wir schaften die Strecke noch vor Einbruch der Dunkelheit. Neuerdings gibt es in dem kleinen Dorf Jama eine Tankstelle mit Motel, was uns jedoch zu teuer war. Wir fragten bei den Grenzbeamten, ob es eine andere Uebernachtungsmoeglichkeit gaebe und bekamen eine staubige Garage angeboten. Da es dort trocken und windgeschuetzt war, nahmen wir dankend an. Bevor wir dort drinnen das Zelt aufstellten, ging ich nochmals zu den Polizisten und bat sie, nach Matthias zu suchen. Mir war gar nicht wohl bei dem Gedanken, dass wir ihn alleine zurueckgelassen hatten. Die hilfsbereiten Herren kehrten jedoch erfolglos von der Suche zurueck, weshalb wir vermuteten, dass der Deutsche nach Susques zurueckgehitched war.

Am naechsten Morgen war der Himmel strahlend blau und die umliegenden Huegel weiss. Wir gingen erst mal zur Tankstelle etwas heisses trinken und entschieden danach, weiterzufahren (d.h. Flo entschied und Martina und ich gingen eben mit). Wir hatten etwa 5 km hinter uns und gerade die Grenze nach Chile passiert, als ein uns Fahrzeug der argentinischen Gendarmeria ueberholte und uns anhielt. Die Polizisten fanden, wir sollten umkehren, das Wetter weiter oben sei schlecht und die Strasse verschneit. Martina und ich waren sofort einverstanden, Flo fand die Idee total daneben. Wir hatten ihn gerade so knapp davon ueberzeugt, zurueckzufahren, als eine Gruppe Motorradfahrern ankam, die meinten, es sei kein Problem ueber den Pass zu fahren, es haette zwar Schnee aber die Strasse sei gut befahrbar. Also fuhren wir weiter.

Trockene Landschaft mit verschneiten Bergen im Hintergrund


Es ging wieder einmal bergauf, nicht steil zwar, aber gegen den Wind und es war kalt. Nach rund 22 km schneite es wieder und wir suchten hinter ein paar Felsen Deckung um etwas zu essen. Nachdem sich das Wetter kurz beruhigt hatte, begann ein regelrechter Schneesturm. Martina und ich hatten so kalt, dass wir uns weigerten, weiterzufahren. In Wind und Wetter stellten wir schliesslich die Zelte auf und krochen in die Schlafsaecke.

Ueber Nacht hatte sich das Wetter einmal mehr beruhigt und wir machten uns auf den Weg. Auch wenn die Sonne schien, war es eiskalt und gegen diesen Wind anzukaempfen war ziemlich witzlos. Zum Glueck gab es dort noch mehr Felsen, wo wir Schutz suchten (und halbwegs fanden). Nach einer heftigen Diskussion beschlossen wir zu versuchen, ein Auto bzw. Laster anzuhalten, der uns nach San Pedro mitnehmen koennte. Es fuhren aber keine Autos, anscheinend war der Pass gesperrt. Da es zu kalt war um noch laenger zu warten, kehrten wir nach Argentinien zurueck. Das ging ruck-zuck, mit Rueckenwind und bergab waren wir innert kuerzester Zeit wieder beim Grenzposten. Auf dem Rueckweg trafen wir Matthias. Er hatte das Unwetter unbeschadet ueberstanden, ja es hatte ihn gar nie erreicht. Er war am Tag zuvor bei der Grenze angekommen, wurde wegen der gesperrten Strasse aber nicht durchgelassen. Trotzt des starken Windes wollte er jetzt weiter.

Zurueck beim Polizeiposten fragten die besorgten Beamten, wass denn passiert sei, und wir schilderten unsere Story. Dann warteten wir, ob allenfalls der Pass wieder geoeffnet und ob sich ein Lasterfahrer finden wuerde, der uns mitnehmen koennte. Nach einigen Stunden kam jedoch der Bescheid von chilenischer Seite, dass der Pass an diesem Tag endgueltig geschlossen bleiben wuerde. Da wir immer noch frohren und keine Lust auf eine weitere kalte Nacht in der Garage hatten, bezogen wir ein Zimmer im Motel. Ironischerweise gab es dort zwar eine Heizung, die aber nicht funktionierte, also frohren wir weiter.

Am naechsten Morgen war der Pass noch immer gesperrt und der Vorsteher der Station sprach ganz gezielt Flo an: "El paso está cerrado. !No podés pasar!" Der Pass ist geschlossen, Du kannst nicht durch. Das letzte Mal haetten wir uns schon in Chile befunden, deshalb haette er nichts machen koennen, aber jetzt wuerde er uns nicht durchlassen. Punkt, Ende der Diskussion. Also setzten wir uns in die Sonne und warteten auf News.

Die knapp zwei Stunden spaeter auch ploetzlich kamen. Zwei chilenische Pickups brachten die Nachricht, dass die Strasse offen sei. So bildete sich erst mal eine lange Schlange vor der Migración, immerhin hatten auch drei Busse und eine Menge Autos gewartet. Waehrend wir warteten, organisierten wir fuer Martina einen Transfer nach San Pedro. Sie hatte mit ihrer Erkaeltung keine Lust mehr, ueber den kalten Pass zu fahren. Netterweise erklaerten sich die Leute der chilenischen Vialidad, der Strassenbehoerde, bereit, sie mitzunehmen. Flo und ich fuhren auch ein paar Kilometer mit um in etwa dort weiterzumachen, wo wir am Vortag umgekehrt waren.

An diesem Nachmittag fuhren wir zu unserem Glueck gegen nur schwachen Wind und durch eine wenn auch oede, aber schoene Landschaft mit Lagunen und Vicuñas, kleineren, wilden Verwandten der Lamas. Wir campten hinter ein paar Felsen und richteten uns auf eine kalte Nacht ein. Am Morgen zeigte das Thermometer ausserhalb des Zeltes -8 Grad an. Wrrr, das war kalt. Der Bidon im Aussenzelt war komplet durchgefrohren. Zum Glueck ging die Sonne bald auf und die Strasse fuehrte ernsthaft bergwaerts, wir kamen also schnell ins Schwitzen.

Was mich allerdings weit mehr stresste als die steile Steigung, war meine Fahrradkette, die ich in Mendoza neu montiert hatte. Im leichtesten Gang faellt sie dauernd raus. Das Problem hatte ich schon seit Purmamarca, an jenem Morgen war es aber extrem. Ich kam gerade mal 10 - 100 Meter weit, bis ich absteigen musste und die Kette wieder ins Zahnrad basteln. Und mit Handschuhen geht das schlecht. Voellig entnervt schob ich das Velo die letzten paar hundert Meter den Pass hinauf. Oben warteten Flo und Matthias, der etwa 5 km vor uns gecampt hatte und den wir jetzt eingeholt hatten.

Auf dem Paso de Jama, 4'838 Meter hoch


Auf der anderen Seite ging es dann rasant etwa 300 Meter in ein Tal hinunter. Auf dem Weg dorthin habe ich einen Schmetterling gesehen! Dass Voegel und Vicuñas an so einem Ort leben koennen geht ja noch. Aber was dieser Schmetterling dort oben weit ab von jeder Blume gesucht hat, ist mit absolut schleierhaft! Unten im Tal fanden wir zu unserer Ueberraschung eine grosse Wiese, Baeche und kleine Weiher. Fuer die heimische Fauna ein richtiges Schlarffenland.



Nach ein paar Kilometern im flachen Tal ging es wieder die Huegel hoch. Ich fand die Landschaft dort extrem faszinierend. Sie ist fast voellig trocken, wir konnten keine Grasbueschelchen mehr erkennen, alles nur rotbraune Erde und Steine. Es gab aber durchaus verschiedene Rot-, Braun- und Gelbtoene, die sich in eleganten Mustern durch die Huegel und Berge zogen. Das Land ist unberuehrt bis auf die gelegentlichen Autospuren oder die Narbe einer Gaspipline, die in der Unendlichkeit verschwindet. Ah ja, es hat auch noch ein paar Antennen, die irgendwelche astronomische Informationen enpfangen. Sonst gibt es da rein gar nichts. Diese Hochebene liegt auf ca. 4'600-4'800 Metern und ist wortwoertlich atemberaubend. Dass wir dort, in einer so unwirtlichen Region, Vicuñas sahen, hat uns doch ueberrascht. Warum waren die nicht im Paradis im Tal unten? Was die dort oben zu fressen fanden, haben wir nie herausgefunden.



Weiter ging's, immer rauf und runter, wieder rauf und runter, bis zur zweiten Passhoehe ueber 4'800 Metern. Inzwischen blies wieder ein kalter Wind und wir waren nicht mehr so sicher, dass wir es an jenem Tag noch bis San Pedro de Atacama schaffen wuerden. Wir erwarteten sehnlichst die Abzweigung nach Bolivien, da es gemaess Velobuch danach endgueltig abwaerts gehen soll. Die Abzweigung kam dann auch, ganz anonym, ohne irgendwelche Ankuendigung. Einzig ein kleines gruenes Schild mit einer Strassennummer und einem "B" wiesen darauf hin, dass die Strasse nach Bolivien fuehrte.

Oben auf dem Pass hat es noch Schnee, unten liegt die Atacama, eine der normalerweise trockensten Wuesten der Welt.


Diese Abfahrt war es wert gewesen, dafuer lange auf und ab zu fahren. Es geht da in etwa 25 km ueber 2'000 Meter runter! Nach ein paar Minuten runterfetzen sah ich ploetzlich zwei Leute am Strassenrand stehen und winken. Marlis und Matthias, auf dem Weg nach Bolivien. Flo musste erst angeschrien werden, bis er realisierte, wer da winkte, aber er war es dann, der vorschlug dort mit den beiden zu campen und am naechsten Morgen nach San Pedro zu fahren. Fuer mich kam das etwas ueberraschend, nachdem er so darauf bestanden hatte, am selben Tag dort anzukommen. Aber gut, umso besser. Wir tauschten alle moeglichen Informationen und Erfahrungen aus und ich war wieder beeindruckt, wie genau Marlis unseren Blog kennt. Man koennte meinen, sie haette die Texte auswendig gelernt.

Da es bald kalt wurde, verzogen wir uns alle in die Zelte. Angeblich wurde es in dieser Nacht nur -3 Grad kalt, was wir als deutliche Verbesserung ansahen. Den Rest der Abfahrt am Morgen genossen wir in der Morgensonne, immer im Wissen, dass wir da in ein paar Tagen wieder rauf muessen. Ein interessantes Detail dieser Strasse: In den wirklich steilen Abschnitten hat es etwa pro Kilometer eine "Pista Emergencia". Das ist eine etwa 200 Meter lange, mit Kies aufgefuellte Spur, das in huebschen Wellen "frisiert" ist, und in einen grossen Sandhaufen muendet. Es waere sicher ein spektakulaerer Anblick, wenn ein Laster dort hineinblocht, weil er nicht mehr bremsen kann.

In San Pedro erwartete uns das uebliche Einreiseprozedere von Chile. Wie von Marlis und Matthias angekuendet, wurden alle Taschen genaustens durchsucht, immerhin mussten wir nicht alles durch den Roentgenapparat schicken. Diesmal versuchten wir jedoch nichts zu schmuggeln, ausser ein paar Cocablaettern besassen wir nichts "de origen vegetal o animal" mehr. Den Honig hatten wir diesmal auf ca. 3'900 Metern Hoehne deponiert, um ihn bei der Ausreise nach Bolivien wieder mitzunehmen.

San Pedro de Atacama ist ein interessantes Dorf, ganz anders als alle Ortschaften, die wir bisher gesehen hatten. Auf den ersten Blick koennte man meinen, man sei irgendwo in Nordafrika. Der Baustil und die Tatsache, dass das Dorf sich mitten in der Wueste befindet, wirkte auf uns richtig exotisch und hat nichts mit den Doerfern beispielsweise an der Carretera Austral gemeinsam. Wie viele Einheimische jedoch noch hier wohnen ist fraglich, der Dorfkern besteht praktisch nur aus Hostales, Restaurants und Tourenanbietern.

Trotzt der Hoehe und den schwierigen Bedingungen haben wir bei der Ueberquerung des Paso de Jama einige neue Rekorde aufgestellt. Da waren erst mal die 117 km von Susques zur Grenze, die den Kilometerrekord pro Tag darstellen, und das erst noch auf ueber 4'000 Metern Hoehe. Auf dem Rueckweg zum argentinischen Grenzposten stellte ich den neuen persoenlichen Geschwindigkeitsrektord von 69 km/h auf, allerdings mit Rueckenwind von ueber 60 km/h. Dann ist da noch der gestrige Tages-Geschwindigkeitsdurchschnitt, der genau 30 km/h betraegt, was wir bisher noch nicht annaehernd geschaft hatten.

Mein Ketten-Problem sollte jetzt auch geloest sein. Gestern hat ein Mech ein Bischen an der Schaltung rumgeschraubt, was erwartungsgemaess rein gar nichts genuetzt hatte. Waehrend einem kurzen Test heute ist die Kette in kuerzester Zeit gleich drei mal rausgeflogen. Jetzt habe ich den gesamten Zahnradkranz wechseln und eine neue Kette montieren lassen, womit auch dieser Aerger aus der Welt geschaft sein sollte. An alle Ciclistas, die in San Pedro einen Mech suchen: an der Avenida de Incas liegt die Velowerkstatt "BRUNA", dort wird einem kompetent und guenstig geholfen.


PS: Viel Glueck an alle Weinbergschnecken und -turbos an der Sola-Stafette am Samstag!

Kommentare:

  1. liebe moni und florian. von einem regnerischen sonntagnachmittag mal einen gruss zu euch! eure reise ist ja wahrlich ein riesengrosses abenteuer. danke für die spannenden berichte über eure eindrücke. unglaublich, dass ihr das alles mit dem velo erfährt. grossartig. die bilder von unendlicher weite und starker natur machen mich geradezu etwas eifersüchtig. ich wünsche euch weiterhin alles gute auf der reise und viele verbindende erlebnisse mit den menschen dort. herzlich. adrian

    AntwortenLöschen
  2. hey guys where the $#@! are you no word from anyone since two weeks.. hope you are well and at least send an sms or short email to let me know all is okay.. most appreciated.. mailfaz at gmail dot com

    AntwortenLöschen