Sonntag, 19. September 2010

Cordillera Huayhuash

Am 6. September morgens um 4.30 Uhr holte Victor uns (Melanie, eine 24-jährige Schweizerin auf 1-jähriger Südamerikareise, Martina und mich) im Hostal ab. Unser Bus sollte um 5 Uhr losfahren. Ausser unseren persönlichen Rucksäcken hatte Victor all unser Gepäck am Vorabend zum Busterminal gebracht. Das war auch so einiges: Futter für fünf Personen (drei Teilnehmerinnen, Führer und Arriero), Koch- und Aufenthaltszelt, Kochutensilien und grosse Gasflasche sowie Melanies Schlafzelt. Führer und Arriero (Eseltreiber) würden im Kochzelt schlafen.

Am Busterminal war schon reges Treiben im Gange, wir waren schliesslich nicht die einzigen, die so früh los wollten. Also alles einladen, einsteigen und fertig. Auch wenn man's kaum glaubt, aber unser Bus fuhr pünktlich los. Vom ersten Teil der 6-stündigen Reise nach Pocpa  (Ausgangsort des Trekkings) kriegten wir nicht viel mit, logisch, um diese Zeit schläft man einfach. Irgendwann befanden wir uns auf einer Hochebene, die Landschaft im bekannten gelb-braun der Puna. Nach diesem Pass ging es steil runter in die Ortschaft Chiquian (ich weiss, klingt nach China, ist aber in Peru). Nach einer gut halbstündigen Pause ging's weiter und jetzt wurde es abenteuerlich. Die Schotterstrasse vor Chiquian war in gutem Zustand gewesen und einigermassen breit. Der Kiesweg, der jetzt über Pässe und durch Täler führte und sich entlang Berghängen schlängelte, war schmal, steinig, staubig und nur langsam und holprig zu befahren. Wie üblich stellten wir uns vor, dort mit dem Velo durchzustrampeln und waren doch eher froh, im Bus zu sitzen. Das hätte eine üble Fluchpartie gegeben.

Strasse zwischen Chiquian und Pocpa.

Im Döflein Pocpa warteten schon diverse Arrieros mit vielen Eseln und Pferden auf ihre Kunden. Ausser uns waren da noch eine oder zwei weitere Gruppen, wer wo dazugehörte, war nicht ganz so klar. Für uns Gringas nicht. Victor und Percy, unser Arriero, kannten sich natürlich und so dauerte es nicht allzu lange, bis unser Gepäck auf Percys vier Esel gepackt war und unsere Wanderung losging. Wobei Esel und Treiber vorausgingen um das Camp aufzubauen und wir ganz gemütlich hinterherspatzierten.

Percy, unser Arriero, in Pocpa beim Bepacken der Esel.

Der erste Tag war nicht weiter anstrengend. Wir waren um ca. 11 Uhr in Pocpa angekommen und eine halbe Stunde später marschierten wir los. Der Weg war die Fortsetzung der Strasse zuvor, zum Autofahren eher mühsam, zu Fuss jedoch einfach und auch ohne extreme Steigungen. Das Gebiet war noch bewohnt, es gab dort auch eine Mine und damit hatte es auch ein Bischen Verkehr auf der Strasse. Da all unser Essen mit den Eseln vorausgeeilt war, hatte Victor uns, wie danach jeden Tag auf dem Trek, ein Lunchpaket zubereitet mit zwei Sandwiches, einer Frucht, Schokolade und Guetslis. Ich hab's ja schon mal gesagt, mit einem Koch unterwegs zu sein, ist echt cool.

Nach ca. vier Stunden kamen wir beim ersten Campingplatz mit dem Namen Quartel Wain an. Melanies organges Zelt und das grau-orange leuchtende Kochzelt standen schon, Martina und ich zeigten Percy, wie Martinas Zelt aufgestellt werden muss. Dann war schon bald unser für die nächsten Tage üblicher Zvieri, heisse Schokolade und Popcorn, bereit. Das Wetter war, wie schon in der Cordillera Blanca, nicht extrem kooperativ. Auf dem Weg zum Campingplatz hatten sich Sonne und Regen abgewechselt, auch jetzt gegen Abend war der Himmel noch grau und von hohen Bergen nicht viel zu sehen. Was aber nur teilweise die Schuld der Wolken war, da die meisten weissen Gipfel ganz einfach noch hinter braunen Hügeln versteckt lagen.

Am 2. Morgen des Trekkings standen wir um ca. 6 Uhr auf und genossen Victors feine Panqueques zum Zmorge und die Aussicht auf einen sonnigen Tag. Abmarsch war jeweils so um die 8 Uhr, an jenem Tag erwartete uns gleich unser erster Pass, der 4'750 m hohe Paso Qaqanan. Der Aufstieg war steil und steinig und eine Gruppe Esel, die uns entgegen kam, erregte negativ unsere Aufmerksamkeit, D.h. eher der Eseltreiber, der seine Tiere rücksichtslos den Hang hinunterhetzte, obwohl der Boden vom Regen am Vortag matschig und rutschig war und z. T. relativ hohe "Felstreppen" überwunden werden mussten. Hätte mich nicht gewundert, wenn dort ein Esel gestolpert und gestürzt wäre.

Vom Pass oben hatten wir gute Aussicht auf die Quebrada Caliente und eine rote Lagune. Auf dem Weg hinunter zur Laguna Mitucocha, wo sich unser Campingplatz befand, sahen wir zum ersten Mal so richtig klar eine der Schönheiten der Cordillera Huayhuash, den Nevado Rondoy.

Nevado Rondoy, 5870 m hoch.

Zum Glück waren wir zeititig im Camp angekommen, das gute Wetter hatte sich nämlich verabschiedet und Hagel und Regen Platz gemacht. Für mich auch unerfreulich: ich hatte mir tags zuvor im dauernden Wechsel von Sonne und Regen, begleitet von kühlem Wind, erkältet. Konkret hiess das Dauerhusten, Hals-, Rachen- und Kopfschmerzen sowie, für mich unerklärlich, heftige Magenschmerzen. Ich verbrachte also den grössten Teil des Nachmittags und den Abend im Schlafsack und bewegte mich so wenig wie möglich.

2. Camping an der Laguna Mitucocha, 4200 müM,
im Hintergrund Nev. Rondoy

Am Morgen war das alles vergessen (ausser Halsschmerzen und Husten), die Sonne schien und wir freuten uns auf einen weiteren Tag mit steilen Pässen und magischen Bergen. Weiter oben hatte es geschneit, d.h. die Wiesen waren weiss, nass und rutschig. Wir bahnten uns unseren Weg langsam und vorsichtig den Hang hinauf, grüssten die Kühe, die dort oben wohnten und stiegen immer höher. Irgendwann waren wir über die Wiesen hinaus und kletterten durch Felsen den letzten Teil zum Pass hoch. Anscheinend hatte der Meeresspiegel früher einmal beträchtlich höher gelegen, jedenfalls fanden wir in diesen Felsen jede Menge versteinerten Meeresschnecken:-) Einige kleine sammelten wir, die grösseren bewunderten wir angemessen, liessen sie aber hinterher wieder frei. 

Oben auf dem Pass des Tages, dem 4'800 m hohen Paso Alcay, wuchsen diverse Büschlis, die aussahen, als stünden sie in Flammen. Diese Pflanze heisst Huamanpinta und anscheinend wird daraus einen Tee zubereitet, der für problemlose Geburten sorgen soll (naja, besser Tee aus Pflanzen als aus Vogelfedern).

Blühender Huamanpinta-Busch.

Vorbei an der Laguna Aguashcocha ging's hinunter zum Camp Nr. 3 an der Laguna Carhuacocha, die auf 4'138 m Höhe liegt. Diese Lagune ist gross, leuchtend blau und zusammen mit den Bergen dahinter eine Sehenswürdigkeit der absoluten Extraklasse. Leider zogen am Nachmittag die obligaten Wolken auf und wir verbrachten wieder viel Zeit in den Zelten auf der Flucht vor Hagel, Regen, Blitz und Donner. 

Das war zwar unangenehm, dafür wurden wir am nächsten Morgen mit einem unübertreffbaren Anblick entschädigt. Verlangt bitte nicht von mir, zu beschreiben, was man fühlt, wenn man dieses Bild vor Augen hat, dazu ist Sprache nun mal schlicht und einfach ungeeignet (oder ich unfähig). 

Die edlen Geschöpfe hinter der Lagune heissen Nevados Siulá Grande, 6'344 m, Yerupajá Grande, 6'634 m und Chico, 6'121 m und Jirishanca, 6'094 m. Yerupajá Grande ist nach dem Nev. Huascarán, 6'768 m, der zweithöchste Berg Perus und der dritthöchste Südamerikas (der höchste ist Aconcagua, 6'962 m, in Argentinien).

Sprachlos.

Etwas später sah das dann so aus...

Der superblaue Himmel hielt natürlich nicht ewig an. Als wir das Camp verliessen, war noch keine Wolke zu sehen, während wir zu den drei Lagunen aufstiegen, wurde der Himmel je länger je fleckiger. Die Lagunen liessen sich davon nicht stören und leuchteten fröhlich in die Landschaft. D.h. die Laguna Gargajanta (auf dem Bild unten nur als weisses Streiflein zu sehen) leuchtete überhaupt nicht, sie ist weiss-braun, die Farbe der schmutzigen Eisklötze, die in ihr schwimmen, das Wasser selber sieht man nicht. 

Lagunen Suilá Cocha, Azul Cocha und Gargajanta Cocha.

Wie üblich mussten wir einen etwa 4'800 m hohen Pass, den Paso Siulá überwinden und dann zum nächsten "Campingplatz" hinuntersteigen. Pech für die Knie, wenn so eine Bajada steil ist, Glück wenn sie wie heute eher flach ausfällt.Das Panorama war auch hier wieder sehenswert, ganz egal, ob man nach oben zu den Bergen oder nach unten zu den Tümpeln schaute. Da das Wasser dort spiegelglatt war, war der Anblick fast derselbe.

Nev. Carnicero, 5'960 m.

Unser 4. Camping befand sich im "Dorf" Huayhuash auf 4'350 m, das sogar auf gewissen Karten verzeichnet ist. Die Bezeichnung Dorf ist jedoch eine meilenweite Übertreibung. Dort stehen nämlich zwei Häuser und die Zelte der jeweiligen Trekking-Gruppen, sonst gibt es dort rein gar nichts. Machte aber nichts, wir hatten ja alles dabei, was wir brauchten. Da wir wieder am frühen Nachmittag ankamen, nutzte ich die Zeit, meinen Seidenschlafsack für eine Weile im Bach unter Wasser zu platzieren. Irgendwo (vermutlich in unserem günstigen Hostal) hat sich da irgendein Vieh oder Viecher eingenistet, das/die mich nun jede Nacht mehrmals gebissen hatten. Aber in jenem Gebirgsbach sind die alle abgesoffen. Seither bin ich wieder alleine im Schlafsack. Dazu war jener Tag auch der erste, an dem es nicht einen einzigen Tropfen geregnet hatte. Was will man mehr, und wen stört's, dass es am Abend wieder bewölkt war?

Der nächste Tag beinhaltete wieder ein kurzes Wanderpensum, schliesslich befand sich der Campingplatz neben den Termas, heissen Quellen. Das war natürlich vielversprechend. Es gab dort sogar zwei Becken, ein kleineres "Waschbecken", wo sogar Seife und Shampoo erlaubt waren. Das fliesst zwar alles ungefiltert in den nächsten Bach, aber was soll's, wir sind hier schliesslich in Peru und die Einheimischen waschen sich und ihre Kleider auch so. Dass ich mich trotzdem weigerte, an so einem Ort Seife zu gebrauchen,  fand unser Führer recht unterhaltsam. Das grössere Becken war gerade geputzt worden und einladend sauber. Einziger Nachteil, das Wasser war so heiss, dass "normale Menschen", sprich Gringo/as dort unmöglich eintauchen konnten. Das galt auch für die Israelis und Spanier, die wir schon seit ein paar Tagen auf den Campingplätzen trafen. Victor und Percy waren glaub' die Einzigen, die ich in diesem schön sauberen, aber ungemütlich heissen Wasser gesehen habe.

Am späteren Nachmittag, nach unserer üblichen Siesta im Zelt, bekamen wir Hunger und wunderten uns über die Abwesenheit unseres Sherpas (so nennt sich Victor im Fall selber!). So langsam wäre es Zeit geworden für Canchitas und heisse Schokolade. Bisher war er noch nie über längere Zeit weggewesen, erst recht nicht, ohne seine wertvollen Princesas zu informieren. Was war nur los?

Wir sollten es bald erfahren. Eine Gruppe Männer kamen durchs Camp marschiert mit einem in Plastik eingewickelten, länglichen Paket. Mit ihnen kamen Victor und Percy zurück und teilten uns mit, dass ein vor über einer Woche abgestürzter spanischer Bergsteiger geborgen worden sei. Wir hatten schon am Vortag vom Verschwinden des Mannes gehört, jedoch nicht damit gerechnet, je einer peruanischen forensischen Untersuchung beizuwohnen. Das war schon eher makaber. Die Leiche wurde genau zwischen Campingplatz und Termas platziert und in aller Öffentlichkeit ausgepackt, fotografiert, ausgezogen und weiter fotografiert. Wer wollte, schaute zu, sogar ein vielleicht 4-jähriger Junge. Unser Hunger war vergessen, auch wir beobachteten die Ärztin und die beiden Polizisten, die Sache lief immerhin keine 15 Meter von unserem Zelt  entfernt ab. Auf meine Frage, warum diese Untersuchung hier durchgeführt würde, meinte Victor, es sei Gestzt, dass die Totesursache vor Ort festgestellt werde. Ok, schön, aber dafür hätte es bestimmt etwas weniger publike Plätze als den Campingplatz gegeben.

Irgendwann hatten wir genug gesehen und verzogen uns zu Arriero und Koch in unser Aufenthaltszelt. Percy wirkte nicht besonders glücklich und auch Victor war nicht begeistert von seiner Teilnahme an der Bergungsaktion. Die vier Polizisten in roter Uniform, die die Aktion geleitet hatten, waren anscheinend auch dieselben, die letztes Jahr zwei Österreicher aufsammeln mussten, die, wie der Spanier, ohne Führer klettern gegangen waren und das mit dem Leben bezahlt hatten. Offensichtlich unterschätzen viele ausländische Kletterer diese Berge hier, Unfälle scheinen keine Seltenheit zu sein. Wer den Film "Touching the Void" gesehen hat, weiss, dass auch professionelle Alpinisten manchmal nicht glauben, dass die Anden nicht die Alpen sind. Zu dem Berg aus jenem Film später mehr.

Der 6. Tag des Trekkings begann bewölkt und windig kalt. Die Leiche des Spaniers wurde an jenem Tag weggebracht. Vermutlich per Pferd nach Cajatambo, wir bekamen diesbezüglich nichts weiter mit und waren auch nicht scharf darauf.

Unser heutiger Pass hies Paso Cuyoc und war 5'000 m hoch. Da wir uns bei den Termas schon auf 4'400 m Höhe befanden, war das nicht weiter wild. Das Ungemütliche daran war, dass der kalte Wind kein Bischen nachlassen wollte und wir, wann immer wir kurz stoppten, fast erfrohren. Oben auf dem Pass, wo alle  Gruppen Pause machen und die Aussicht würdigen, trafen wir auch die anderen Trekking-Gruppen wieder. Die Spanier waren ein paar Leute mehr als wir und hatten zwei Arrieros und eine wahre Eselherde dabei. Und lebende Hühner, in Käfigen auf die Lasttiere gepackt. Für uns wäre sowas undenkbar, hier scheinbar normal. Wie gesagt, wir sind eben in Peru, hier laufen die Dinge etwas anders.

Melanie, Martina und ich vor dem Nev. Cuyoc, 5'550 m.

500 steile Höhenmeter später hatten wir unsere Zelte erreicht, die auf einem riesigen topfebenen Feld mit Kühen und Eseln standen. Die Sonne schien immer noch!, es windete dort unten nur wenig und wir konnten zum ersten mal einfach in die Sonne liegen und die Aussicht auf die Berge (hier Nev. Cuyoc und Trapezio) geniessen.

 Der 7. Tag begann heiss und anstrengend. Der Weg zum Paso San Antonio, 5'050 m war steil und steinig. Ich war extrem schlecht drauf, nicht launenmässig aber energiemässig. In den letzten Nächten hatte ich (auch Martina!) schlecht geschlafen, da ich nonstop am husten war. Was soll's, da musste man jetzt einfach rauf. Natürlich windete es dort oben wieder mal wie blöd, was, nassgeschwitzt wie wir waren, nicht gerade praktisch war. Aber die Aussicht von oben war die Anstrengung und die Konfrontation mit dem Wind allemal wert.

Hinten links Siulá Grande, rechts
Yerupajá Grande, im Vordergrund Sarapo
und Laguna Jurau.


Hier nochmals etwas zum Film "Touching the Void". In Huaraz konnte ich das entsprechende Buch ausleihen, was extrem spannend war, da wir hier jenen Berg, der die beiden englischen Bergsteiger beinahe umgebracht hätte, den Siulá Grande, life sahen. Er ist megaschön, dieser Nevado, aber dort raufklettern, sorry, aber dazu muss man schon lebensmüde sein. Oder aber, wie die beiden Engländer, den Berg massiv unterschätzen. 

Siulá Grande, Westflanke.

Unsere Abstiegsroute vom Paso San Antonio führte oberhalb der in der Sonne leuchtenden Lagune Jurau vorbei durch die Quebradas Calinca und Huayllapa  hinab bis ins Dorf Huayllapa, welches auf 3'450 m liegt und wo es entsprechend warm war. Wir campten dort zusammen mit den spanischen Trekkern auf dem dorfeigenen Fussballplatz.

Der nächste Morgen war auch wieder sonnig und sogar erst mal windstill. Zusammen mit dem steilen Aufstieg zum 4'800 m hohen Paso Tapush heizte uns das ganz schön ein. Die Route führte an einem Berg namens Diablo Mudo, dem Stummen Teufel vorbei, wobei mir nicht ganz klar war, wieso der Berg so heisst. Speziell teuflisch hat er auf micht nicht gewirkt. Auf dem Weg hinunter ins Camp sahen wir einen weiteren See, die Laguna Sucucocha, bei unserem Camp auf 4'500 m. gab es dann aber nur noch einen Bach. Schlimm, schlimm, alle diese lagunenlosen Camps, in einem Bach konnte sich noch nie ein Berg spiegeln:-)

Gegen Abend wurde der Himmel wieder bedrohlich grau, es begann es zu regnen und wir flüchteten in die Zelte. Zwar ist Regen immer unangenehm, die Wolken haben aber den Vorteil, dass es während der Nacht nicht allzu kalt wird. Allzu kalt ist aber auch relativ. Egal, ob es am Abend geregnet hatte oder nicht, i.d.R. war es am Morgen wieder klar und die Zelte und das Gras frostweiss. Anscheinend finden auch die Bewohner der Region das ungemütlich und manche riskieren ihr Leben, indem sie unter dem Footprint unseres Zeltes übernachten. Wenn wir das am Morgen dann abbrechen, kommen die verfrohren aussehenden Gäste zu Vorschein.

Diese Maus wohnt in Cashpapampa auf ca. 4'500 m.

Wir haben die Maus dann aus der weiten, weissen und kalten Ebene evakuviert und bei einigen Felsblöcken wieder ausgesetzt, die soll sich besser ein Loch graben als unter Zelten schlafen, wo sie eines Tages noch zerquetscht wird.

Der 9. Tag des Trekkings wurde wieder recht easy. Klar, da war wieder ein Pass, der 4'800 m hohe Paso Yaucha, von dem wir eine Superaussicht auf die verschneiten Hügel und Berge hatten. Ob die schwarzen Hügel Namen haben, weiss ich nicht, im Hintergrund v.l.n. die Nevados Rondoy, Toro, Yerupajá Chicho und Grande.

Frisch verschneite Cordillera Huayhuash.

Was folgte, war ca. 1.5 Stunden Marsch entlang extrem staubigen Weglein hinunter zum Camp an der Laguna Jahuacocha, die auf gerade mal 4'068 m Höhe lag. Wir kamen kurz nach Mittag dort an und hatten Zeit zum lesen und fotografieren. Hier im Vordergrund Melanies Zelt, das Koch- und Aufenthaltszelt und Martinas grünes Tunnelzelt. Dahinter die Zelte der Spanischen "Expedition", im Hintergrund die Nevados Rondoy und Toro.

Camp an der Laguna Jahuacocha, Tag 9.

Die professionelleren Fotografen unter uns hatten nun den Anspruch, nur Martinas Zelt und die Berge dahinter auf den Fotos zu haben (wer will den schon ein fremdes Camp auf seinem Bild?). Da das eher kompliziert war und nur aus einer ganz bestimmten Perspektive klappte, krochen die beiden auf dem Boden rum nach der Suche nach dem genau richtigen Fotospot.

Victor und Martina beim Fotografieren des Camps.

Der letzte Trekkingtag brach an und wir hatten einen letzten Pass, den "nur" 4'750 m hohe Paso Rondoy zu erklettern. Der Weg dort hinauf war steil und heiss und wir schwitzten wieder mal ganz gehörig. Das war auch zum wiederholten Mal nicht der offizielle Trekkingweg, aber unser Führer scheint in diesen Bergen jeden Schleichweg zu kennen und so kamen wir des öfteren in den Genuss von einsameren Wegen und teilweise besseren Aussichten. Ganz so einsam war dieser eine Weg jedoch nicht. Wir trafen dort oben eine Einheimische, die ihre Schafe jeden Tag zu den Hochweiden dort hinauf treibt. Ganz jung wirkte sie zwar nicht mehr, offensichtlich war sie aber ziemlich fit. Ziemlich fit war auch die Aussicht von  noch weiter oben. Weil er so schön ist, nochmals der höchste Berg der Cordillera Huayhuash.

Nevado Yerupajá.

Ausser schönen Bergen gibt es in diesen Gebirgen auch interessante Pflanzen mit schönen Blüten. Diese flauschigen Kakteen wachsen überall in der Cordillera Huayhuash. Sie haben leuchtend orange oder rote Blüten, die sich zu kleinen, rundlichen Früchten entwickeln. Eine Legende besagt, dass wer diese Früchte isst, dessen Haare werden so weiss wie der Kaktus selber. Wir haben zwar die eine oder andere dieser  Früchte gesehen, getested haben wir die Legende allerdings nicht.

Kaktus Huacuro.

Hier noch einer der witzigeren Bewohner der Anden. Dieses Viech, das aussieht wie eine  flauschige Mischung zwischen Hase und Chinchilla, heisst Vizcacha und bewohnt felsige Hänge in grossen Höhen. Sie sind nicht extrem scheu, mit etwas Vorsicht und Abstand kann man sie problemlos beobachten und Fotos schiessen. Dank ihrer grauen Farbe sind sie jedoch gut getarnt, aber unser Sherpa hat so gute Augen, dem scheint nichts zu entgehen, was sich in diesen Bergen bewegt (oder, wie ein Vizcacha, sich auch nicht bewegt).

Vizcacha.

Kurz nach 13 Uhr hatten wir die Strasse erreicht, auf der wir 10 Tage zuvor angekommen sind und nach gut zwei Stunden Marsch waren wir schon wieder in Pocpa, dem Ausgangspunkt des Trekkings. Wie immer wartete Percy mit fertig aufgestellten Zelten auf uns. Auch hier wurde der Fussballplatz zum Campingplatz umfunktioniert. Und wie immer in Dörfern schlichen neugierige Kinder und Hunde um unsere Zelte und inspizierten alles genaustens. Am Abend profitierten wir noch ein letztes Mal von Victors Kochkünsten, am nächsten Morgen schliefen wir etwas länger als sonst und brachen schliesslich etwas wehmütig das Camp ab und brachten unser Gepäck zur Bushaltestelle.

Da nie ganz genau klar ist, um welche Zeit der Bus fährt, waren wir lieber etwas früh dran und mussten dann halt eine Weile warten. Das war eine gute Gelegenheit, das lokale Dorfleben etwas zu studieren. Da war eine Frau, die am Fluss frisch geschorene Schafwolle wusch. Das ging so: Die graubraun-schmutzige Wolle wurde kurz ins Wasser gehalten und dann minutenlang mit einem grossen Holzhammer bearbeitet. Zwischendurch wusch sie die Wolle im Wasser kurz aus, dann hämmerte sie wieder drauflos. Diese Methode war aber erstaunlich effizient, die Wolle, die sie als sauber zur Seite legte, war schön weiss und sah auch sonst schon ganz geordnet aus.

Ausser zum Wollewaschen werden die Flüsse hier auch zum Wäschewaschen genutzt. Ob Waschmittel im Fluss empfehlenswert ist oder nicht, interessiert hier natürlich niemanden. So wurde die Wäsche schon immer gewaschen, also wird es auch heute noch so gemacht, Seife hin oder her. Allerdings werden  auch die Abwässer einer Mine weiter oben in diesen Flüss geleitet, vermutlich ist das Waschmittel, das darin entsorgt wird (oder die öffentlichen Klos, die direkt über dem Fluss stehen), das kleinste Problem.

Dorfleben in Pocpa.
 
Ausser den waschenden Frauen sorgte noch ein verirrtes Schaft für "Unterhaltung". Es kam blökend die Strasse heraufgelaufen und schaute die ganze Zeit verwirrt um sich. Als es über die Brücke des Flusses kam, tauchte eine Frau auf, die es wieder durchs ganze Dorf zurücktrieb. Kurz nachdem sie zurückkam, kam auch das Schaft wieder, immer noch blökend und seine Herde suchend. Eine andere, alte Frau machte sich nun daran, das Schaft zurückzutreiben, was dieses aber nicht so toll zu finden schien. Das das mit dem Treiben nicht so recht klappte, packte sie das arme Tier an einem Vorderbei und zerrte es rücksichtslos hinter sich her. Das fand das Schaf aber noch weniger witzig, sträubte sich umso mehr und landete dabei mehrmals auf dem Rücken. Irgendwann tauchte Hilfe auf, eine dritte Dame mit einer Rute, die dem Vieh einige Male über den Hintern gehauen wurde. Schliesslich waren alle drei ausser Sicht. Bei solchen Szenen wundern wir uns manchmal schon. Diese Leute, die mit Tieren aufwachsen, sollten doch wissen, wie man damit umgeht. Würde man meinen. Einem Schaft fast das Bein auszureissen, kann ja aber nicht die Methode der Wahl sein, um es dorthin zu kriegen, wo man es haben will. Naja, wie gesagt, wir sind hier eben in Peru.

Schliesslich kam unser Bus, wir luden das Gepäck auf und quetschten uns auf die Sitze. Nach unendlich vielen Kurven, noch mehr Geholpere und noch viel mehr Staub kamen wir wieder in Chiquian an. Wir luden alles in einen grossen, modernen Reisecar um und fuhren weiter nach Huaraz. Wegen diverser Baustellen verzögerte diese Fahrt sich um einiges, was uns drei Gringas nicht weiter belastete, die Einheimischen jedoch extrem zu nerven schien.

Ok, das war nun Trekking Nr. 2 erfolgreich abgeschlossen. Die Aussicht, diese wundervollen Berge schon zu verlassen, wirkt auf Martina und mich jedoch nicht sehr überzeugend. Die dritte Tour, diesemal wieder in der Cordillera Blanca, ist darum auch schon in Planung...

Mittwoch, 1. September 2010

Trekking in der Cordillera Blanca mit Sherpa Victorinox

Letzten Samstag Morgen trafen wir Victor wie verabredet um halb acht auf der Plaza. Da sein Rucksack riesengross und megaschwer war, nahmen wir ein Taxi zur Bushaltestelle. Dort warteten schon zwei Indígena-Frauen auf den selben Bus, der aber leider nicht aufkreuzte. Dafür hielt ein Taxi, das zwar uns drei, aber nicht die beiden Frauen mitnehmen wollte. He, was denn, wieso nicht? Nach einer kurzen Gringa-Intervention durften auch die beiden mit. Da aber nur insgesamt vier Passagiere auf die Sitze passen, klemmte eine sich in den Kofferraum, zusammen mit unseren Rucksäcken und anderem Gepäck. Aber Platz haben hier immer alle, die mitwollen. Irgendwie.

Um ca. halb neun starteten wir unsere erste Tagesetappe. Das Wetter spielte mit, wie in der Trockenzeit ja zu erwarten war. Bald hatten wir alle Häuser hinter uns gelassen, der Weg stieg nur leicht an. An einem Kontrollposten mussten wir ein Eintrittsticket für 65 Soles (CHF 23)kaufen. Dann ging's weiter durch die Quebrada (Tal) Quillcayhuanca. Wir marschierten etwa fünf Stunden ohne Stress in Richtung erstes Camp. Unterwegs sahen wir noch keine extreme Bergen dafür diverse Pflanzen und Vögel, zu denen wir interssante Erläuterungen erhielten. Z.B. war da jener braune Vogel mit gelbem Bauch, aus dessen Federn die Einheimischen anscheinend eine Art Tee machen, der für problemlose Geburten sorgen soll.



In jenem Tal war die Vegetation mehrheitlich im üblichen gelb-braun-grün gehalten. Einige Büsche hatten jedoch leuchtend rot-orange Blüten, von denen wir erfuhren, dass sie gar nicht zum Busch gehören, sondern dass das eine Art Parasitenpflanze ist, die am Busch wächst. Sieht aber super aus.

Parasitenblüten


Wir kamen um ca. 16 Uhr bei einer grossen, flachen, mit Felsblöcken übersähten Wiese an. Unser erstes Camp auf etwa 4'000 m. Wir stellten das Zelt auf und profitierten schon bald von der Aufmerksamkeit unseres Guías als wir eine Tasse heisse Schokolade und Popcorn ("Canchitas") zum Zvieri erhielten.

Hier noch etwas zu unserem Arragement mit Victor. Da wir ohne Lasttier unterwegs waren, mussten wir unser Futter für fünf Tage selber schleppen. Dazu gab es folgende Optionen: Das wird alles schön fair durch drei geteilt, oder wir nehmen einen Träger mit, was USD 25 pro Tag kostet. Da sowohl Martinas sowie mein Nacken recht anfällig ist und wir uns nicht gewohnt sind, schwere Rucksäcke zu tragen, tendierten wir dazu, jemanden fürs Tragen zu bezahlen. Wenn aber noch eine Person mitkam, mussten wir auch mehr Essen und noch ein Zelt mitnehmen, was das Gesamtgewicht nochmals erhöhen würde. Dazu der Vorschlag unseres Führers: Er spielt Lastesel und kriegt die 25 Dollars selber. Ok, für uns in Ordnung. Leider haben kein Foto von ihm und seinem Riesenrucksack gemacht, aber wir konnten das Teil kaum anheben. Er ist damit fröhlich tagelang rumspatziert, ob flach, auf- oder abwärts schien ihn nicht weiter zu beeindrucken. Krass. Dass er als Gía auch unser Koch war, war für ihn selbstverständlich, für uns ein ungewohnter Luxus.

Unser Frührer, Koch, Sherpa und Clown in Aktion


Martina und ich hatten so nur unsere persönlichen Sachen und etwas weniges wie Bananen, Eier und Avocados zu tragen, was erheblich zum Genuss des Trekkings beitrug. Die ganze Sache war für uns eh wie Ferien. Victor war nicht nur ein guter Führer mit spannender Information zu Land und Leuten, er war auch ein guter Koch, der sehr um das Wohlergehen seiner "Princesas Suizas" besorgt war und uns total verwöhnte. Gibt es z.B. was Schöneres als zum Frühstück heissen Tee und warme "Panqueques" serviert zu erhalten? Unser Spass und das gute Gelingen der Tour lag ihm sehr am Herzen. Beispielsweise meinten wir bei der Planung, es sei kein Problem, wenn er noch mehr Teilnehmer für die Tour finden würde. Obwohl das für ihn mehr Geld bedeutet hätte, wollte er der Harmonie der Gruppe wegen nicht mehr Leute suchen. Offenbar hat er in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht mit zusammengewürfelten Gruppen mit unterschiedlichen Leistungsniveaus. So konnten wir das Tempo, die Pausen und teilweise auch das Tagespensum spontan selber bestimmen, ohne dass es irgendwelche Diskussionen gab. "Ustedes son las Jefas", "ihr seid die Chefinnen" sagte Victor jeweils, wenn es darum ging, an einem Ort zu campen oder noch eine Stunde weiterzugehen.

Tag zwei war ziemlich easy. Wir wanderten etwas über eine Stunde in ein Seitental bis auf 4'400 m, "montierten" das Camp und stiegen dann ohne Gepäck eine Moräne hinauf, von wo aus wir eine Superaussicht auf die umliegenden Gipfel und Geltscher hatten. Einzig die Wolken machten uns etwas einen Strich durch die Rechnung und vernebelten einige Berge und Eisfelder. Natürlich war es wieder sonnig, als wir wieder unten waren.



Obwohl wir auf der Moräne oben zu Mittag gegessen hatten, war ich schon wieder hungrig, als wir das Camp erreichten. Da dies ein unhaltbarer Zustand war, heizte Victor seinen Kocher ein und machte Suppe. Den Rest des Nachmittags lagen wir rum und genossen die Schönheit des Orts. Gegen Abend machten die schon lange drohenden Wolken ernst und es begann zu regnen. Nicht stark, aber zusammen mit der einsetzenden Kälte sehr unfreundlich. Also schickte unser selbstlose Koch uns in die Schlafsäcke und setzte sich selbst in den Zelteingang um das Abendessen zuzubereiten. Sowas ist einfach nicht zu übertreffen.

Auch am dritten Morgen gab's Panqueques zum Frühsück. Mmmm, unschlagbar. Das Terrain stieg dann zum ersten Mal (mit Gepäck) so richtig an und da die Sonne wieder schien wurde uns bald recht warm. Gegen 11 Uhr erreichten wir einige Hausruinen, wo wir unsere Rucksäcke deponierten und einen kleinen Abstecher zur Laguna Tulpa Cocha machten. Früher fielen dort offenbar regelmässig grosse Eisklötze ins Wasser, weshalb einige nette europäische Länder beim Ausfluss des Sees einen massiven Wall gebaut hatten, um die weiter unten liegenden Dörfer vor Flutwellen zu schützen.

Laguna Tulpa Cocha


Bevor die Region zum Nationalpark ernannt wurde, wurden an den Berghängen, auch um die Lagunen heraum, verschiedene Pflanzen gesammelt. Ab und zu kam es dabei vor, dass jemand ins Wasser stürzte und, da viele Leute hier nicht schwimmen können, ertrank. Gemäss einer Legende regnete es danach oft stunden- oder sogar tagelang heftig, was sonst nicht einmal während der Regenzeit vorkam. Mit dieser Legende sollten wir in den folgenden Tagen nochmals Bekanntschaft machen.

Gletscher oberhalb der Laguna Tulpa Cocha


Die Umgebung der Lagune war jedoch nicht völlig verlassen. Offenbar wohnten dort einige Esel, die dem Eindringen der Gringas mit Neugierde begegneten und uns bis zu unseren Rucksäcken zurück folgten. Schliesslich ist das ein Nationalpark, da müssen Besucher genaustens überwacht werden.

Neugierige Besucher oder Kontrolle?


Jetzt kam der härteste Teil des Treks, der Aufstieg zum über 5'000 m hohen Pass Huapi. Es war heiss, der Pfad steil und die Aussicht schlicht umwerfend. Zum Glück waren wir so langsam unterwegs, so hatten wir jede Menge Zeit, die vergletscherten Schönheiten ringsherum zu bewundern. Es war fast surreal und mit Worten unmöglich zu beschreiben, was wir fühlten während wir diese Berge bestaunten. So imposante, elegante und von Menschenhand unbeschmutzte Gipfel. Einziger Wermutstropfen war die Frage, wie lange uns diese Schnee- und Eisfelder dort oben noch erhalten bleiben. Sie werden jedes Jahr kleiner und dünner, wie lange werden sie noch überleben?

Wie ein Stückchen weisse Toblerone, Nev. Andavite, 5'446 m


Ein zweites Mal liessen wir das Gepäck zurück und gingen eine Lagune, die Laguna Cuchilla Cocha besuchen. Danach die Frage, bleiben wir hier oder steigen wir noch höher? Wir fühlten uns fit und entschieden uns, weiterzugehen. Das Gefühl muss eine Täuschung gewesen sein, meine Beine machten bald deutlich, dass sie ein frühes Camp bevorzugt hätten. Pech, zu spät, diese Stunden mussten sie noch durchhalten. Was sie natürlich auch taten, wenn auch widerwillig.

Wir fanden eine einigermassen flache Stelle auf über 4'900 m, für ein Camp doch eher hoch, aber mit unübertroffener Aussicht. Martina und ich stellten das Zelt auf, Victor machte heisse Schokolade, gute Arbeitsteilung. Die Wolken beraubten uns schon bald der letzten Sonnenstrahlen, die weissen Riesen hinter einem kleinen Hügeli leuchteten weiter. Was will man mehr?

Nev. Chinchey, 6'222 m


Panorama vom Camp Nr. 3, 2. von links Nev. Chinchey,
rechts dahinter in den Wolken Nev. Andavite


Eigentlich hatte ich erwartet, auf dieser Höhe nicht so gut zu schlafen, zu meiner Überraschung schlief ich aber in der 3. Nacht am besten. Die Nacht war auch bei weitem nicht so kalt wie erwartet. Nach Mitternacht begann es zu regnen oder zu schneien und es klang nach so viel Niederschlag, dass es mich nicht überrascht hätte, wenn am Morgen alles weiss gewesen wäre. Was wir vor dem Zelt vorfanden, waren nur wenige Überreste von nassem Schnee, die fast verschwunden waren bis wir aufbrachen. Trotzdem, dieses Wetter motivierte uns nicht wirklich, aus dem warmen Schlafsack zu kriechen.

Am frühen Morgen auf fast 5'000 m


Nach zwei Tassen heissen Tee und zwei feinen Pancakes packten wir einmal mehr ein nasses Zelt ein und stiegen auf den Paso Huapi hoch. Dort oben warteten wir eine ganze Weile auf die Sonne, die sich auch tatsächlich zwischenzeitlich kurz zeigte, die beiden dominanten Gipfel des Tages, Ranrapalca und Palcaraju, beide über 6'000 m hoch, wollten sich nicht zeigen. Schade, von hier aus hätten wir bei gutem Wetter eine kaum zu übertreffende Aussicht gehabt. Als sich die Wolken über uns wieder verdichteten und teilweise sehr bedrohlich grau aussahen, machten wir uns auf den Abstieg in die Quebrada Cojup. Der obere Teil des Weges war sehr steinig, hier wollten wir nicht von Regen oder gar Schnee eingeholt werden.

Auf dem Pass Huapi, über 5'200 m, eingenebelt
im Hintergrund Nev. Ranrapalca, 6'162 m


Unten im Tal angekommen, began es tatsächlich zu regnen und wir hatten Glück, einen halbwegs geschützten Platz fürs Mittagessen zu finden. Nach diesen steilen 1'000 m Abstieg war der Rest des Tages easy. Es ging flach durchs Tal, mal mit Regen, mal trocken. Schon um 14 Uhr hatten wir eine mögliche Campsite erreicht und da es uns dort gefiel, blieben wir. Wir schafften es gerade knapp, das Zelt aufzustellen, bevor es ernsthaft zu regnen begann. Auch hier wurden wir von den aufmerksamen Augen einer Eselfamilie beobachtet und auf Schritt und Tritt begleitet. Was mögen diese drei Humanos wohl im Sinn haben? Irgendwann war die Neugierde der Esel befriedigt und sie wurden von einer schwarzen Kuh abgelöst. Anscheinend hatten aber Kühe hier schon einmal ein Zelt aufgeschlitzt, weshalb wir unser Bestes gaben, das Vieh zu vertreiben. Mit Schreien, Stock und Steinen. Wirklich beeindrucken liess sich das Horntier aber nicht, flüchtete jeweils ein paar Schritte und kam dann zurück. Unser Zelt überlebte die Nacht aber unbeschadet, irgendwer hatte aber einen Nagel aus der Erde gerupft. Immer diese Rindviecher...

Am fünften Tag blieben noch ca. 3 Stunden durch flaches Terrain bis zum Dorf Llupa, wo der Trek begonnen hatte. Es war zwar einigermassen sonnig, die Berge blieben jedoch von Wolken verdeckt, da konnten wir noch so oft zurückschauen. Soviel zum Thema Trockenzeit. Eigentlich hätte es keinen Tropfen regnen dürfen. Victor fragte sich, ob wohl irgendjemand irgendwo in einer Lagune umgekommen war. Kurz vor Mittag waren wir schon zurück in Huaraz, von einem Todesfall haben wir bisher aber nichts gehört.

Und die Moral von der Geschichte:
  • Trekking in den Bergen der peruanischen Region Ancash ist etwas vom Schönsten, dass man sich vorstellen kann.
  • Einen guten Koch zu haben, ist der coolste Luxus, den man sich vorstellen kann.
  • Nach einem schönen Trek wieder in eine überfüllte, chaotische Stadt zu kommen, ist etwas vom Unerfreulichsten, dass man sich vorstellen kann.
Deshalb kam die Idee, ein weiteres Trekking zu machen, schon kurz nach unserer Ankunft in Huaraz. Eigentlich hatten wir nach dieser Wanderung ja bald weiter gewollt und deshalb brauchten wir eine Weile (ein paar Stunden) um auszuloten, wie ernst die Sache uns beiden angesichts der nicht zu vernachlässigenden Kosten war. Ja, todernst:-) Heute haben wir bei Victor eine 10-tägige Tour um die Cordillera Huayhuash bestätigt. Diesmal mit Eseln, die unser Gepäck schleppen, um unseren Spass dabei etwas zu erhöhen. Food für 10 Tage hätte ja auch unser Supersherpa nicht mittragen können.

Donnerstag, 26. August 2010

Huánuco - Huaraz: ¡Regálame tu Matamoscas!

Gestern Vormittag sind wir in Huaraz angekommen. Die Gefühle für diese Etappe sind gemischt. Absolutes Plus: endlich richtige, verschneite und vereiste Berge! Eher ein Minus: In den letzten Tagen wurden wir im Vorbeifahren häufig angebettelt, nach Geld oder unseren Matamoscas, Fliegenklatschen, die wir zusammengebastelt und hinten an die Velos gesteckt haben, um die Autofahrer zum Abstandhalten motivieren. Sorry Kinder, aber die brauchen wir nun mal wirklich.

Die Steigung des ersten Passes, knapp 4'000 m hoch, begann gleich nach Huánuco, soweit alles normal und wie immer. Glücklicherweise waren die ersten ca. 15 km nicht sehr steil und wir konnten uns gemütlich warmfahren. Auf der ersten Seite des Höhenprofils und in diversen anderen Reiseberichten wird die Strasse bis zur Corona del Inca (erste Passhöhe) als extrem miese "Naturstrasse" bezeichnet (der Begriff Naturstrasse widerspricht sich selber, die Natur baut keine Strassen). Inzwischen wurde die Strecke aber asphaltiert und ist so um vieles einfacher zu beradeln. Sie ist zwar immer noch schmal und man muss oft anhalten, um Autos oder Lastwagen durchzulassen, das taten wir aber gerne, wir wurden dabei ja nicht eingestaubt und blieben kaum im Kies am Wegrand stecken.

Viel passierte an jenem ersten Tag nicht. Ich war zwar der Meinung, dass es dort durchaus einiges an Verkehr gab, offensichtlich waren aber gewisse Anwohner anderer Meinung und ruhten sich mitten auf der Strasse aus.



Bei unserem Mittagessplatz gab es auch hübsche Dinger zu bestaunen. Ich weiss, ich habe schon viele dieser Flatterviecher gezeigt, sie sind aber immer wieder schön und wenn man es schon schafft, ein gutes Bild zu knipsen:

Schmettervogel (oder Sommerling?) irgendwo nach Huánuco


Kurz nachdem wir weitergefahren sind, trafen wir Agustí, einen spanischen Radfahrer und nutzten den Vorwand, nochmals eine Pause einzulegen und zu schwatzen. Irgendwann mussten wir aber doch weiter, plaudern ist zwar interessant, brachte uns aber nicht konkret den Hügel hoch. Am späteren Nachmittag begannen wir uns zu fragen, wo wir wohl die Nacht verbringen könnten. Der Hang war steil, flache Stellen zum campen gab es so gut wie keine, ausserdem waren überall Dörfer oder Häuser vor denen man sich kaum hätte verstecken könnte. Im kleinen Dorf Pampas fanden wir schliesslich ein "Zimmer" mit einem Bett, in das wir zu zweit gerade knapp draufpassten. Auf der anderen Strassenseite im Garten der Besitzer gab es eine Latrine und am Dorfbach Wasser. Ok, gar nicht so schlecht. Besoners gemütlich wurde die Nacht allerdings nicht, erstens war es eng, zweitens teilten wir den Raum mit einer Ratte, die vom oberen Stock runtergeklettert war und unser Zeug durchwühlte.

Am Morgen standen wir wieder früh auf um die letzten ca. 10 km Steigung vor der Hitze des Tages abzuspulen. In Punto Union, dem Dorf oben am Pass, wurde ich zum ersten Mal so richtig unfreundlich behandelt, ja mit einem Stein bedroht, und das als Antwort auf mein Grüssen und Winken. Das finster dreinblickende Gesicht gehörte einem 4-5-jährigen Mädchen! Die Frauen in der Nähe lachten nur, ich fragte mich, was ich der Kleinen wohl angetan hatte. Die Mehrheit der Leute dort war nähmlich nett. Kurz nach der Passhöhe trafen wir auf Dave, Ciclista aus England, mit dem wir natürlich auch Informationen und Web-Adressen austauschten. Dann sausten wir, dick eingepackt in warme Kleider, die auch hier schmale Passstrasse hinunter. Nach ca. 15 km war fertig lustig, es ging wieder aufwärts. Hier wurde uns schnell warm und wir mussten Pulis und Jacken wieder ausziehen.

Als wir an einem gefällten Eukalyptus vorbeikamen, brachen wir uns je einen Ast ab, der von nun an als Mataperros, als Hundeklatsche verwendung finden wird. In Huánuco hatten wir dafür auch je eine Fliegenklatsche gekauft, sind aber zum Schluss gekommen, dass die zu kurz ist und zu wenig Eindruck machte. Wievield die zusammengebundenen Klatschen, die Matacoches, gegen gedankenlose Autofahrer bringen, ist noch nicht empirisch erwiesen, die Tendenz erscheint aber positiv. Auf jener Strecke sind auch viele Herden an uns vorbeigezogen, Rinder, Schafe, Esel, Schweine und Pferde. Eines dieser Ponies ist uns besonders negativ aufgefallen. Es hatte am Rücken eine grossflächige, offene rote Wunde. Wie lange musste dieses arme Tier wohl harte, schwere Lasten schleppen, die ihm den Rücken bis auf den Knochen aufgerieben haben?

Nach jenem kleinen Hügeli fetzten wir wieder etwa 10 km abwärts, dann führte die Strasse flach durch ein Tal bis zur kleinen Ortschaft Tingo Chico. Wir kamen schon um ca. 15 Uhr dort an und entschieden uns dort zu bleiben. Martina hatte seit ein paar Tagen Magenprobleme und ein früher Feierabend kam da richtig. Ein älterer Herr gab uns den Tipp eines Geländes ausserhalb des Dorfes, wo man campen könne, der spanische Besitzer sei nicht dort, viele Touris würden dort übernachten. Wir auch, mit der freundlichen Bewilligung des "Hauswarts", den wir gegen Abend trafen.

Für den nächsten Tag hatten wir ausgemacht, nur die 30 km bis nach La Union zu fahren und dort die Ruinen Huánuco Viejo anzuschauen. Selbstverständlich musste da erst ein Hügel bezwungen werden, der war aber nur so um die 400 m hoch, easy also. Hier glaubten wir erst, wir hätten eine Art Sprach- oder Kulturgrenze überschritten. Wir hörten stundenlang keine "Gringa!"-Rufe, wir wurden teilweise sogar mit "Hola Señorita" gegrüsst. Wow, was für eine Beförderung! Die Gringo-Rufer tauchten später allerding wieder auf, oder aber wir ernteten auf unser "Hola" eisernes Schweigen. Wir kamen am späten Vormittag in La Union an, fanden ein akzeptables Hostal und gingen erst mal auf Futtersuche.

Nach dem Mittag fanden wir ein bezahlbares Taxi, das uns zu den erwähnten Ruinen (oder zumindes in die Nähe) brachte. Huánuco Viejo, oder Huánuco Pampa, wie die Anlage dort genannt wurde, war einmal eine Stadt mit schätzungsweise 30'000 Einwohnern gewesen, die via Inka-Trail mit Cusco verbunden gewesen war. Dieser Weg führt übringens in 6'000 km von Mendoza im Norden Argentiniens bis nach Quito in Ecuador, so gross war das Reich der Inka. Auf meine Frage, wie es möglich gewesen war, ein solches Riesenreich zu kontrollieren (die Leute gingen zu Fuss, Pferde gab es keine), wusste unser Führer (eigentlich ein Wächter der Anlage) keine Antwort. Anscheinend wurden Nachrichten mit einem System von Meldeläufern überbracht. Mündlich, geschrieben wurde hier ja nicht. Ich versuchte mir vorzustellen, wie eine Meldung von hier nach Cusco, immerhin ca. 1'400 km, wortgetreu an ihrem Bestimmungsort ankommen soll. Eher unwahrscheinlich. Vielleicht haben die Spanier den Krieg ja gewonnen, weil die Kommunikation unter den Quechua nicht korrekt funktionierte??

Die Eingangstür zum Haus des Inca in Huánuco Pampa


Wir konnten die Ruinen übrigens gratis besichtigen. Eigentlich hätte das je 4 Soles gekostet, die Person, die einkassieren sollte, war aber nicht dort. Der Wächter, der auch die Besucher durch den Komplex führt, fühlte sich dafür nicht zuständig. Dafür erhielt er mehr Trinkgeld, seine Erläuterungen waren sehr interessant gewesen und seine Demonstration mit seiner Steinschleuder echt beeindruckend. Das Strohdach über den Ruinen dient übringens deren Schutz vor Regen, das gab es ursprünglich nicht.

Der nächste Tag wurde nicht mehr so easy. Die ersten 20 km waren zwar noch nicht so steil und landschaftlich interessanter als auch schon. Das Tal vor der Ortschaft Huallanca verengte sich zusehends bis nur noch eine enge Schlucht übrigblieb, in der der gerade knapp Fluss und Strasse Platz hatten.



Danach öffnete sich das Land wieder und kurz vor Huallanca meinte Martina, es sähe aus, wie zu Hause. Die Ähnlichkeit mit dem Bündnerland liess sich nicht bestreiten. In Huallanca kauften wir für die nächsten beiden Tag ein. Teigwaren zum Znacht und Brot, Avocado und Tomaten zum Zmittag, wie immer. Bevor wir das Dorf verliessen, genossen wir noch ein Glacé auf einer kleinen, hübschen Plaza. Beim Ortsausgang in Huallanca steht eine Stierkampf-Arena, zum Glück leer und verlassen. Die peruanische Kultur ist ja durchaus interessant, aber weder Stier- noch Hahnenkämpfe (mit Messern!) sind das, was wir unbedingt sehen müssen.

Von La Union bis zur Abra Yanshalla hatten wir etwa 1'600 Höhenmeter zu überwinden. Eigentlich nichts ausserordentliches, nur dass es diesmal bis auf über 4'800 m gehen sollte. So hoch waren wir auf der Lagunenroute in Bolivien das letzte Mal gewesen. Wir schafften es bis auf 4'500 m, dann war es 17 Uhr und wir waren froh, in dem steilen Hang einen Campplatz gefunden zu haben. An jener Stelle führte die Strasse im Zick-Zack den Berg hoch, unser Platz befand sich auf einem, aus irgendeinem Grund nicht benutzten und nicht asphaltierten Zick. Leider war der Boden so steinig, dass wir zuerst Mühe hatten, die Nägel einzuschlagen, am nächsten Morgen noch mehr Mühe, sie wieder rauszukriegen.

Irgendwann waren wir aber so weit und wir griffen die letzten 10 km vor der Passhöhe an. Nach 3 km kam schon die Abzweigung in den Parque Nacionál Huascarán und damit befanden wir uns wieder einmal auf Schotter, Staub und vielen Steinen. Ausserdem war es dort oben ziemlich windig. Es wurde aber nicht konstant in eine Richtung gepustet, der kam mal von vorne, mal von hinten oder wahlweise von links oder rechts. Dazu wand sich die Strasse schlangengleich durch die Landschaft, so dass man sich nach jeder Kurve von der momentanen Windrichtung überraschen lassen muste. Die Qualität der Strasse war auch nicht sehr konstant, von recht gut bis extrem mies gab es alles. Dafür sahen wir zum ersten Mal seit langem so richtig coole Berge, hier in Form der Cordillera Huallanca

Elegante Schönheit, Nevado Burro.


Gemäss Höhenprofil ist der höchste Punkt auf 4'884 m, gemäss Martinas GPS befanden wir uns auf 4'870 m. Wie auch immer, die Aussicht war super, der Wind aber recht kalt. Trotzdem machten wir wieder mal ein Gipfelfoto, mit dieser Landschaft im Hintergrund lohnte sich das allemal.

Im Parque Nacionál Huascarán auf über 4'800 m,
im Hintergrund die Cordillera Blanca.


Interessant war hier oben die Vegetation im Vergleich zur selben Höhe z.B. auf dem Paso Jama in Nordargentinien oder auf dem Sol de Mañana in Bolivien. Dort wuchs auf 4'800 m nichts mehr, das mit dem Auge erkennbar gewesen wäre. Und ausser Vicuñas lebte dort auch nichts und niemand mehr. Hier in Peru, doch ein ganzes Stück nördlicher, ist die Landschaft noch grasbedeckt und es wachsen sogar winzige Büschlein und andere Pflänzchen. Darum ist auch der gesamte Nationalpark voller Rinder, Schafen, Pferden und Alpakas. Vicuñas gibt es hier keine. Dieser Umstand hat mich ziemlich überrascht. In unserem Verständnis sollten in einem Natinalpark keine Bauern und kein Nutzvieh leben, gerade eben damit bedrohte wilde Arten dort ihren Rückzugsraum finden. Hier ist dem nicht so, Wildtiere, ausser Vögeln, haben wir keine gesehen, logisch, da alles mit Haustieren zugepflastert ist.

Dass es hier nicht so leicht ist, einen Nationalpark zu "ernennen", in dem niemand wohnt, ist auch klar. Diese Leute und ihre Tiere waren schon immer dort, wenn nun die Regierung meint, das Gebiet sei nun Nationalpark, dann sind die Bewohner eben trotzdem noch dort. Einfach rauswerfen geht wohl kaum und diese Bauern sind vermutlich auch so schon arm genug. Aber es war schon eher nervig, sogar in dieser abgelegenen Gegend von agressiven Hunden angefickt zu werden.

Jetzt waren wir also zuoberst, einfach runter ging es aber noch eine ganze Weile nicht. Ab, auf, ab, auf, jeweils nicht lange, dafür zum Teil aber steil. Zweimal fuhren wir mehr oder weniger dicht unter einem Gletscher durch und hofften auf etwas sauberes Wasser. Das kam jedoch richtig rot, so rot wie die Erde unter dem Eis eben. Tja Pech, dann eben nicht. Schliesslich kam eine etwas längere Abfahrt bis etwa auf 4'600 m und eine entsprechende Steigung bis auf wieder fast 4'800 m. Jetzt endlich begann die "richtige" Abfahrt bis zur Rangerstation, die sich auf etwas über 4'100 m. Die Piste hier war in einem echt himmeltraurigen Zustand und teilweise war es eher ein hinunterklettern als fahren. Als Kompensation sahen wir schöne vergletscherte Gipfel und an einem Ort gab es sogar "Pinturas Rupestres", Felszeichnungen.



Weiter unten wuchs eine Sehenswürdigkeit, die sogar auf der Karte eingezeichnet ist, Puya Raimondii. Das sind seltsame Pflanzen, die auf einer Höhe von 3'000 bis 4'800 m vorkommen und aussehen wie riesige Tannzapfen. Sie werden bis zu 12 m hoch und 100 Jahre alt, blühen nur einmal, produzieren dabei aber 6-10 Mio. Blüten und 8-12 Mio. Samen. Danach sterben sie. Hier oben gab es eine ganze Menge davon, schon fast ein Wald.

Puya Raimondii


Weiter ging's, nun nicht mehr steil runter, sondern durch ein weites, flaches Tal mit diversen Feuchtgebieten bis wir am späten Nachmittag bei der Rangerstation ankamen, wo wir die 5 Soles Parkgebühr bezahlen mussten, wie wir annahmen. Wie sich herausstellte, ist die Station jedoch nur von 7.00 bis 15.30 Uhr besetzt. Tja, wieder einmal Glück gehabt und die Eintrittsgebühr gespart. Praktischerweise hatte es dort hinter einem Erdwall eine grosse Fläche, wo wir einen perfekten, windgeschützten Campplatz fanden. Der Vollmond in jener Nacht war wieder einmal unglaublich schön und sorgte die ganze Nacht lang für Festbeleuchtung.

Der folgende Morgen war eiskalt, einmal mehr massiv kälter als die vorherige Nacht, wo wir über 300 m höher gecampt hatten. Die Bidons, die wir raustellten als wir das Zelt abbrachen, waren in kürzester Zeit gefroren. Glücklicherweise befanden wir uns immer noch im offenen Tal und schon nach wenigen Kilometern hatten wir den Sonnenschein erreicht, wo wir uns (und Martinas Schaltkabel) auftauen konnten. Bald darauf kamen wir an einem Bach vorbei, der ohne richtiges Bett durch die Wiese den Hang hinunter stürzte. Der Bach selber war zwar nicht gefrohren, einzelne Gräser jedoch waren dick vereist.




Weiter ging's holpernd, scheppernd und klimpernd über Stock und Stein bis wir die asphaltierte Hauptstrasse erreichten. Dort stellte ich fest, dass ich meinen Rückspiegel verloren hatte. Die Verankerung im Lenker hatte sich schon früher, wenn es heftig geschüttelt hatte, gelöst, bisher hatte ich das aber jeweils gemerkt und behoben. Diesmal war ich so sehr auf die Strasse konzentriert, dass ich das nicht mitbekommen hatte. D.h. einmal glaubte ich, zum dauernden Scheppern des Velos kurz ein anderes, helleres Geräusch gehört zu haben, hatte dem aber blöderweise nicht weiter Bedeutung zugemessen. Als ich den Verlust bemerkte, konnte ich mich nicht motivieren, eine halbe Stunde, eine Stunde oder noch länger auf dieser Strasse zurückzufahren um den Spiegel zu suchen. Aber ohne Spiegel zu fahren, fühlt sich an, als hätte man mir einen Sinn geklaut.

Wir hatten jetzt noch ca. 40 asphaltierte Kilometer vor uns, mehrheitlich schön abwärts. Läppischerweise war der Belag der Strasse so schlecht, dass man selten so richtig laufen lassen konnte. All die tiefe Löcher und Abschnitte mit Schotter bremsten uns ganz schön aus. Trotzdem schafften wir es bis 11 Uhr nach Huaraz, wo wir eine ganze Weile nach dem Hostal suchten, das uns von einem anderen Radfahrer empfohlen worden war. Huaraz war ein langersehntes Ziel gewesen, hier würden wir ein paar Tage ausruhen und evtl. ein Trekking oder eintägige Touren machen. Nun endlich angekommen, waren wir beide total erschöpft, dazu kam die Hitze, die uns noch zusätzlich völlig erschlug. Nachdem wir uns einquartiert hatten, gingen wir etwas essen und dann erst mal schlafen.

Gegen Abend gingen wir ein Restaurant suchen und wurden dabei von Victor, einem lokalen Bergführer, angesprochen. Er empfahl uns ein Restaurant und bot uns gratis Information zu den verschiedenen Treks an. Klar waren wir interessiert und hörten ihm zu. Er arbeitet offenbar lieber auf eigene Rechnung und nicht für Agenturen und ihre grossen Grupen. Wir haben uns auf eine 5-tägige Wanderung in einem Gebiet mit wenig Touristen geeinigt. Heute waren wir zusammen einkaufen und am Schluss recht beeindruckt von der Menge Futter, die da zusammengekommen ist. Und die wir tragen müssen, Pferde können nicht mit auf diese Route. Morgen um halb acht gehts los.

Mehrschweinchen in einem Sack auf dem Markt in Huaraz

Montag, 16. August 2010

Huancayo - Huánuco: Ein Hund kommt selten allein.

Wieder einmal suchten - und fanden - wir den Weg aus einer grossen Stadt heraus. Über den ersten Tag gibt es nicht viel zu berichten. Die ersten ca. 47 km bis zur Abzweigung vor Jauja verliefen ereignislos, die Landschaft war flach und nicht weiter aufregend. Allenfalls erwähnenswert war, dass die Leute dort "gut" Englisch sprachen. Wir wurden des öfteren anstatt mit "Hola" mit "Hello" oder mit "Hello Miss" gegrüsst. Ein ganz Schlauer rief Martina sogar "Hello Mister" nach.

Nach jener Abzweigung führte die Route durch Hügel, immer dem Fluss Mantaro entlang. So hiess zwar schon jener Fluss vor dem Pass vor Huancayo, eigentlich kann das aber nicht derselbe sein, muss mal die Karte checken. Trotzt der Hügel ringsherum stieg die Strasse nur ganz leicht an und wir kamen gut vorwärts. Einzig der Gegenwind, der kurz vor Mittag aufkam, machte die Sache teilweise etwas mühsam. Dass wir die ca. 130 km bis nach La Oroya nicht schaffen würden, war uns klar gewesen und am späteren Nachmittag begannen wir die Suche nach einem brauchbaren Campplatz. Den fanden wir bei Km 105, recht nahe bei der Strasse und nur halbwegs blickgeschützt, dafür schoen flach.

Am Abend freuten wir uns schon, dass es dort, auf ca. 3'600 m nicht sonderlich kalt sei. Im Zelt drinnen stimmte das auch am Morgen noch, alles was wir rausstellten, war aber innert kürzester Zeit mit einer Frostschicht bedeckt. Als wir losfuhren, dauerte es nicht lange, bis Zehen und Finger nahezu gefühllos waren. Da wir uns in einem engen Tal befanden, dauerte es auch seine Zeit, bis die Sonne die Strasse erreichte. Als das endlich der Fall war, setzten wir uns eine halbe Stunde hin und wärmten die fast tiefgefrorenen Körperteilchen auf. Es ist schon interessant, dass es auf 3'600 m kälter sein kann als auf 4'300 m. Sonderlich logisch fanden wir das auf jeden Fall nicht.

Martina checkt den besten Blickwinkel für das nächste Foto.


Das Tal hatte sich zur Schlucht verengt, die grasbewachsenen Haenge waren blankem Fels gewichen als es endlich so richtig warm wurde und wir unsere übliche erste Schokolade- und Guetslipause machten. Bald darauf öffnete sich das Tal wieder und es kamen riesige Berge aus schwarzem Sand in Sicht. Die erste Mine vor La Oroya. Eine Kurve später sahen wir die Schmelzanlage mit dem gigantischen Kamin, die ich zuvor schon auf Fotos gesehen habe. Echt beeindruckend.



In der Stadt kauften wir Brot für den Zmittag und suchten dann den richtigen Weg in Richtung Cerro de Pasco. Doch bevor wir die Stadt verliessen, fanden wir noch eine Jugería, einen Saftladen. Die Auswahl war zwar nicht riesig, der Papaya-Ananas-Saft aber megafein und supergünstig. Das war genau das, was wir brauchten um die kommende Megasteigung anzugreifen (500 Hoehenmeter auf 35 km:-). Auf dem Weg zur Hochebene von Junín sahen wir die ersten Alpakas (oder waren das Llamas?) seit langem. Oben auf der Ebene spatzierten sogar wieder einige Vicuñas heraum. Nach den hunderten Kilometern mit nur Rindern und Schweinen am Wegrand fühlten wir uns wieder richtig in den Anden.

Diese Hochebene, die auf 4'100 bis 4'200 m liegt, erinnerte mich ans Altiplano. Gelbes, trockenes Gras, nur ganz wenig auf und ab aber immer einige Hügel in Sichtweite. Etwa einen Kilometer von der Strasse entfernt sahen wir ein Monument, den "Obelisco de la Batalla de Junín". Im Moment wussten wir zwar nicht, was es damit auf sich hatte, vermuteten aber eine Schlacht, bei der die Spanier von den Peruanern besiegt wurden. In Junín wurde das bestätigt. Die Truppen um Simon Bolívar hatten hier die Spanier im Jahr 1824 in die Zange genommen und plattgemacht. Solche Geschichten höre ich immer gerne, raus mit den Conquistadores!

Reserva Nacional de Junín


Junín selber ist ein nicht sonderlich grosses Dorf, wo wir aber eine günstige Hospedaje fanden. Der abendliche Spatziergang durch die Ortschaft war noch ganz interessant. Auf der Plaza fand gerade eine Art "Konzert" statt. Das Grüpplein, das dort auf der Bühne Musik machte und sang gehörte der örtlichen Kirche an und kündigte eine Fortsetzung des Anlasses in ihrer Kirche an. Wir setzten uns ab, suchten - und fanden - ein günstiges Restaurant und gingen dann, wie immer früh schlafen.

Die Señora des Hostals hatte uns gesagt, dass die Läden im Dorf alle morgens um 6 Uhr öffnen würden und es dort frisches Brot zu kaufen gäbe, weshalb wir das Brotkaufen auf den Morgen verschoben. Natürlich war dem dann nicht so. Kaum offene Läden und wenn, dann Brot vom Vortag. Also ging Martina direkt zur Bäckerei, die aber auch noch geschlossen war. Sie schaffte es aber dennoch, dort Brot zu kriegen und das war ganz frisch und sogar noch warm! Mmmhhh, etwas vom Besten, das wir seit langem gegessen hatten. Leider wurden die eigentlich für das Mittagessen gedachten Brötlis so etwas dezimiert.

Es war bewölkt und noch kühl als wir losfuhren, aber bei Weitem nicht so kalt wie tags zuvor. Einige Zeit führte die Strasse flach dem Ufer des Lagos entlang, danach wurde es wieder ganz leicht hügelig. Im Dorf Huayre fanden wir eine der bemerkenswertesten Plazas überhaupt, die aussieht wie von Aliens errichtet. Das grosse violette Teil mit "Schwanz" ist ein Maca-Monument. Maca ist eine Knolle, die aus jener Region stammt und ein wichtiges Grundnahrungsmittel zu sein scheint. Offensichtlich hat sie dort einen hohen Stellenwert, dass ihr zu Ehren eine so flippige Plaza gebaut wurde.



Ein Dorf weiter hatten wir schon wieder Hunger und machten es uns auf einer ganz kleinen Plaza gemütlich. Zwei Frauen mit einem grossen Wagen voll was auch immer sprachen uns an und wir wechselten ein paar Worte. Sie müssen von unserer Reise einigermassen fasziniert gewesen sein, sie gaben uns je einen Teller mit zwei gekochten Kartoffeln und einem Stück Fleisch, einfach weil wir auf Reise seien. Das war wieder einmal unglaublich nett. Leider bestand das "Fleisch" de facto aus einem Knochen mit vor allem Fett daran und für uns verwöhnte Gringas war so etwas eigentlich eher nicht essbar. Zwei hungrige Strassenhündinnen, die schon am trockenen Brot ihre Freude gehabt hatten, sahen das natürlich ganz anders und waren hell begeistert von ihrem Glück an jenem Morgen.

Schnusiges Hündchen in Carhuamayo


Weiter ging's, langsam stieg die Strasse etwas steiler an. Wir mussten auf einen fast 4'400 hohen Pass, was etwa 200-250 Höhenmeter bedeutete, also recht easy war. Dort oben erwarteten uns... ein agressives Hunderudel, das uns am liebsten gefressen hätte, eine Lagune und eine riesige Herde Alpakas. Die Lagune war weiter nicht erwähnenswert, die Alpakas sahen umso kuscheliger aus. Die würden sich auf unseren Alpen auch noch gut machen und Alpakawolle ist bestimmt rentabler als Schafwolle.



Dort oben war es, wie auch schon in den Tälern zuvor, ganz schön windig. Und selbstverständlich kam der Wind von vorne. Schon in dem Dorf, wo wir Zmittag gegessen hatten, hab es eine Art kleine Tornados, die Staub und Abfall weit in den Himmel inaufsogen. Hier bei der teilweise ausgetrockneten Lagune gab es wieder solche Wirbel, die eine Staubwolke mit sich zog. Das sah recht interessant aus, wie diese Wolke durch die Ebene driftete und sich erst auflöste, als sie auf die Wiese geriet und ihr der Sand-Nachschub ausging.



Kurz darauf erreichten wir die Abzweigung nach Cerro de Pasco, der mit 4'330 m.ü.M. die höchste Stadt Perus. Da es aber erst früher Nachmittag war und ein Besuch der angeblich nicht sehr schönen Stadt 5 km hin und zurück bedeutet hätte, fuhren wir an der Abzweigung vorbei und auf der anderen Seite des Pass hinunter. Dort machten wir auch wieder einmal eine widersprüchliche Beobachtung. Anscheinend ist Sonntag hier Waschtag. Wir sahen viele Frauen an diversen Bächen ihre Wäsche schrubben. Etwas archaisch und aus ökologischen Gründen eigentlich nicht zu empfehlen, aber soweit so gut, wir sind hier eben in Peru. Daneben auf der Strasse aufgereiht aber standen die - meist doch recht modernen - Autos, mit denen die Ehemänner die Señoras dorthin gefahren hatten. Man wäscht also - wie bei uns im Mittelalter - am Bach, fährt aber mit dem Auto hin?

Andererseits haben wir seit La Oroya viele Esel auf der Strasse oder daneben gesehen. Hier sind sie - im Gegensatz zu vor Huancayo - überhaupt nicht scheu. Und sie sind für den Lastentransport durchaus noch weit verbreitet und werden oft von Leuten getrieben, die - wo man Empfang hat - angeregt am Handy plaudern. Nochmals Vergangenheit und Gegenwart kombiniert. Man sollte sich hier über nichts mehr wundern.

Auch nicht darüber, dass die schöne Asphaltstrasse sich innerhalb von wenigen Metern in ein totales Trümmerfeld verwandeln kann. Während etwa 2 km holperten wir wieder über Steine und wurden eingestaubt. Das alte Lied, widerlich! Danach kam wieder eine Art Asphalt, allerdings unterbrochen von diversen grossen Löchern und Abschnitten mit Schotter und teilweise so zerrissen und erodiert, dass man kaum mehr fahren konnte.

Wir übernachteten in der kleinen Ortschaft Huariaca, wo uns das Hostal Rosa empfohlen wurde. Wegen der Empfehlung überprüften wir die Matratzen nicht so genau wie sonst, stellten dann aber fest, dass darauf schlafen eher unbequem wäre. Also wendete ich den Trick an, der schon in Huancayo Anwendung gefunden hatte. Ich platzierte meine eigene aufgeblasene Matte darunter, was die Delle in der Mitte des Bettes recht gut ausgleicht. Optimal ist das vielleicht nicht, funktioniert aber nicht schlecht.

Wir befanden uns in Huariaca noch auf knapp 3'000 m, darum frohren wir tags darauf bei der Fortsetzung der insgesamt etwa 115 km langen Abfahrt nicht wirklich. Leider fand auch die Trümmerstrasse hier ihre Fortsetzung, mal besser, mal schlechter. Trotzdem hatten wir die 70 km bis nach Huánuco bis 11 Uhr geschafft. Die Plaza zu finden, war hier nicht so einfach wie in Huancayo, die Strassen waren enger und der Verkehr chaotischer. Wir checkten über sechs Hostales und Hospedajes ab, bevor wir uns für das Hostal Beijing entschieden. Auch hier sind Unterkünfte eher teuer, Innenhöfe für Velos gibt es nicht und gewisse Angestellte verhalten sich so desinteressiert, dass man fast meint, sich für die Störung entschuldigen zu müssen.

Am Nachmittag hatten wir eine doppelte Einführung in touristische Sehenswürdigkeiten der Region erhalten, einmal bei der Policía Turistica, die aber keine Stadtpläne mehr hatte, einmal bei der Promoción Turistica, die uns welche gab. Deshalb machten wir gestern Morgen einen Ausflug zum Centro Arqueológico Kotosh, etwa 5 km von Huánuco. Dort gibt es 4'000 Jahre alte Tempelruinen der Mito-Kultur. Sehr gross ist der Komplex nicht, das am besten erhaltene Gebäude ist der Templo de Manos cruzadas, der Tempel der gekreuzten Hände. Davon gibt es zwei Paare, je links und rechts der grossen Nische an der Wand.



Wir hatten eigentlich vor, nur zwei Nächte hier zu bleiben. Da jedoch Martinas Bein schmerzte und wir eine wirklich harte Etappe vor uns haben, werden wir drei Nächte bleiben (was heisst, wir können zweimal ausschlafen!!). Wir haben dann nochmals zwei hohe Pässe (knapp 4'000 und 4'880 m) zu überqueren, dann folgt eine lange Abfahrt nach Huaraz und dann Trujillo, welches auf Meereshöhe liegt.

Der urspüngliche Titel dieses Textes sollte eigentlich heissen "Ein Kreuz kommt selten allein". Seit wir wieder auf Asphalt fahren, hat die Anzahl Kreuze am Strassenrand massiv zugenommen und meistens steht dort nicht eins, sondern gleich mehrere kleine Gedenkhäuschen. Wenn man sieht, wie hier gefahren wird, erstaunt das zwar eigentlich nicht, aber Busunfälle scheinen hier mit einiger Regelmässigkeit vorzukommen.



Was mich wieder zu einem meiner Lieblingsthemen bringt, den Autofahrern. Hier ist Staub kein Problem mehr und man sollte meinen, auch das nahe Überholen hätte sich erübrigt. Leider ist dem nicht so. Es gibt zwar meistens einen Seitenstreifen, wo man relativ gefahrlos radeln kann. Wenn nun aber ein Bus vorbei will, aber wegen Gegenverkehr nicht auf die andere Spur ausweichen kann, kann's schon mal kritisch werden. Ein paar Lastwagen haben in dieser Situation gewartet bis sie mit Abstand vorbeifahren konnten, Busfahrern kommt das nicht in den Sinn. Und wenn so ein riesiger Bus mit knapp 50 cm Abstand durchblocht, dann ist das schon sehr unangenehm. Davon abgesehen, dass der Sog, der einem manchmal in die Strasse zieht, wegen nachfolgendem Verkehr ziemlich gefährlich ist.

Auch toll ist die Erfahrung, sich auf der eigenen Spur plötzlich mit einem frontal entgegenkommenden Auto konfrontiert zu sehen. Das kommt in Situationen vor, in denen die Aufmerksamkeit nicht in erster Linie der Strasse, sondern angreifenden Hunden gilt. Da gerät man leicht vom Seitenstreifen auf die offizielle Fahrbahn. Ab und zu einen Blick in den Rückspiegle ist ja möglich und mit Gegenverkehr rechnet man aber auf seiner Seite (fälschlicherweise) nicht. Der Schock ist entsprechend gross, wenn man dann trotzdem einem Auto gegenübersteht, dem man gerade noch knapp ausweichen kann. Mit Überholen 10-20 Sekunden zu warten, scheint für viele Fahrer keine Option zu sein.

Das war nun der Link zu einem weiteren, langsam aber sicher nervig werdenden Thema, den Hunden, die sogar die Kreuze aus dem Titel vertrieben haben. Bekanntlich mag ich Hunde ja sehr gerne und es braucht viel, um mich negativ gegen sie zu stimmen. Seit Huancayo sind die Viecher aber nahe daran. Nicht, dass bellend hinterher rennen etwas Neues wäre, aber dass auch tatsächlich zugeschnappt wird, das kam bisher nicht vor. Hier nun schon zweimal bei Martina und einmal bei mir. Erwischt haben die Köter nichts, oder nur Stoff, aber unsere Stimmung hat klar umgeschlagen.

Fairerweise muss man sagen, dass nur etwa die Hälfte der Hunde ein Problem sind. Die andere Hälfte lässt sich nicht stören bei was immer sie gerade am tun ist, sei das am Strassenrand schlafen, über die Strasse spatzieren oder einfach nur in die Luft gucken. In Huancayo z.B. schlief einer in einem Loch im äusserst belebten Trottoir gleich neben der Hauptstrasse. Rund die Hälfte der bellenden Nichtsnutze wäre auch kein Problem, wenn sie nicht von ihren fiesen Kollegen zum Angriff angestiftet würden. In letzter Zeit treffen wir öfter auf mehrere Hunde, die sich gegenseitig so richtig in die Velojagt hineinsteigern.

Was kann man tun? Ignorieren, das habe ich bisher gemacht, seit ich geschnappt wurde, ist das keine Option mehr. Sprinteinlagen, allerdings schwierig bergaufwärts und Hunde rennen ohnehin verdammt schnell. Danach treten, bringt aber nur ganz kurzfristig Erfolg, wenn überhaupt. Anhalten, wäre eigentlich das Beste, meistens hauen sie dann ab. Habe aber keine Lust, die ganze Zeit anzuhalten, nur wegen diesen elenden Kläffern und/oder Beissern. Wir haben auch schon den Spiess umgedreht und sind auf die Hunde losgefahren, das funktioniert aber nur, wenn sie von vorne kommen und wenn kein Verkehr herrscht. Steine schmeissen haben wir noch nicht getestet, könnte aber noch kommen.

Bleibt ein weiteres, nerviges Thema, dass ich mir mal von der Seele schreiben muss, die südamerikanische Version von Abfall"entsorgung". Wie das in Argentinien und Chile gelaufen ist, weiss ich nicht mehr, ganz so übel kann es nicht gewesen sein, sonst wäre es mir in Erinnerung geblieben. Seit Bolivien scheinen aber Abfalleimer unbekannt zu sein. Da wird einfach alles auf die Strasse geschmissen, in Städten, Dörfern oder ausserhalb jeder Ortschaft. Selbst auf Plazas, wo es i.d.R. sogar Eimer gibt, sind die Wiesen mit Müll bestreut. Oft gibt es regelrechte Müllhalden, meistens am Stadtrand oder in Fluss- oder Bachbetten.



Speziell widerlich sind einzelne oder gleich haufenweise verschissene Windeln, die draussen in der Landschaft, aber auch in den Strassen der Städte herumliegen, wahlweise zusammengeklebt oder offen. Auch Farbe wird einfach auf der Wiese bzw. im Strassengraben entsorgt, zusammen mit allem anderen, was nicht mehr benötigt wird. Entlang der Strassen gibt es zwar oft Schilder, die Abfall wegwerfen verbieten oder zu mehr Umweltschutz aufrufen, diesbezüglich scheinen aber die meisten Leute noch Analphabeten zu sein. Es juckt einfach keinen, wenn das ganze Land zur Müllhalde degradiert wird. Schade, es wäre so schön hier.



Heute Morgen in Huánuco haben wir uns dafür wieder einmal amüsiert. Wir waren gerade wieder bei der Touri-Info um herauszufinden, wie wir morgen aus der Stadt hinauskommen. Plötzlich hörten wir Sirenengeheul, was wir aber zuerst ignorierten. Dann wurden wir aber aus dem Gebäude hinausgeschickt, zusammen mit allen anderen Leuten. Anscheinend fand gerade eine Übung für den Fall eines Erdbebens statt. Draussen standen Polizei- und Rettungswagen und alle hatten die Sirenen laufen, ein Höllenkrach. Oben an der Hauswand hing ein Polizist, der gerade die Evakuvierung einer Person übte. Ob das im Ernstfall wirklich gut käme?